Novellenbogenfreiheit

August 28th, 2010 § 1 Kommentar

Wahre Worte sind nicht schön,
schöne Worte sind nicht wahr.

Tao-Te-King

Befragt, warum seine einst kunstvoll gestrickten Geschichten immer kürzer und vor allem atemloser würden, legitimierte er sich mit dem Zeitgeist, mit den Erfordernissen einer globalen Schnelllebigkeit. Das schien übertrieben. Er geriet ins “Faseln”, wie seine Freunde befanden. Verlegen rieb er die Handflächen aneinander, während er sich rechtfertigte. Man müsse ja heute seine Schreibereien so hinhauen, sagte er, das sei ja alles nur noch im Status des Hingeschissenwerdens zu ertragen. Bei gründlichem Arbeiten käme man sich ja wie ein Idiot vor. Die Zeit, ganz hart gesagt, des gedruckten Wortes sei vorbei. Usw.

Nach und nach kam die Wahrheit ans Licht, dass er des Nachts sonderbaren Geschäften nachging. Die Halb- und Unterwelt spielte eine Rolle dabei, gewisse Drogenringe zogen sich um Hans Werner Bock zusammen. Bock selbst, bis dahin auffällig bedenkenträgerischer Verfasser von Novellen, geriet ins Zwielicht. Timotheus Örgelbauer, Lokaljournalist aus Peine, ein enger Freund von Robert-Louis von Kraßkow, beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit Bock hatte er die Schulbank gedrückt. Damals war Bock, heute Arzt, nach Örgelbauers Empfinden einer der Dümmsten im Jahrgang gewesen. Von Kraßkow konnte das nur bestätigen. Doch welch eine Wandlung war mit dem einst so geistes- und bedürfnisschlichten Hans Werner Bock vorgegangen! Eine Jeckyll-und-Hyde-Existenz zeichnete sich ab, je intensiver Örgelbauer recherchierte.

Immer wieder führten seine Recherchetouren ihn in den “Goldenen Drachen”. Hier saß er, trank Pils, aß Hühnchen mit Cashewnüssen und betrachtete dicke Asiaten an einem überdimensionierten Ecktisch, die ihre Geschäfte machten. Prostituierte waren immer zugegen. Irgendwann fiel er auf. Ein schmaler, scharfäugiger Chinese warf ihm stumme, dunkle Blicke zu. Als Örgelbauer, von drei Pils leicht sediert, zu seinem Auto ging, fiel man ihn hinterrücks an. Die Tritte wird er nie vergessen. Zum Abschied spuckte man ihm auf die Wange.

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