Tintoretto
August 28th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Eigentlich werde man doch nur das, was die Leute in einem sehen wollten. Wollen sie einen Narren in dir sehen, wirst du halt ein Narr, sagte Bob. Erwarteten sie hingegen sehnsüchtig ein Genie, könne man sich kurzzeitig sogar genialische Züge aneignen. Man dürfe, so Bob, die Macht der Erwartungen der anderen nicht unterschätzen! Im Grunde schüfe die Erwartung der anderen unseren Charakter, unser Selbst. Darum sei es auch so unerhört wichtig, wessen Blicke als erstes auf uns fielen. Das sei eine Sache, buchstäblich, von Leben und Tod, rief Bob. Seien es nämlich die Blicke eines am Leben Erkrankten, eines Todessüchtigen und Zerstörungsgeilen, dann sei unser Schicksal besiegelt. Im Grunde wäre dann ein schneller Tod unser erstrebenswertestes Los. Unserer harrte in diesem Falle die Krankheit zum Tode, tiefe Verzagtheit und Zerstörungsgeilheit.
Schlüge im ersten Blickkontakt aber die Liebe selbst, das Ja zum Leben die Augen auf, käme uns Freundlichkeit als Willkommensgruß entgegen, dann erwarte uns ein Dasein der Freude. Ein Fest werde unser Leben dann sein, ein Bad in Glück und Zufriedenheit.
Bob schaute ganz schwärmerisch, als er das sagte, im Bordone-Saal vor dem Tintoretto sitzend, dem er allerdings noch keinen Blick geschenkt hatte. Stattdessen beobachtete er seine Schuhspitze, die über das Parkett kratzte. Immer, immer, immer starrte er auf seine Schuhspitzen. Mich machte das wahnsinnig!
So gern ich Bob hatte, seine Verachtung des Daseins, dieses Hinabgezogensein, aus dem sein Wesen bestand, machte mich fertig. Das hielt ich nicht aus. Warum konnte er denn nicht einmal seine Arme um das Leben schlingen? Ihm einen feuchten Kuss auf den Hals hauchen?
Was war ich denn anderes als ein Schauspieler, der versuchte, das Beste aus dem Schlimmsten zu machen?
Aber Bob tat so, als gäbe es wirklich ein richtiges Leben im falschen.
Ich war immer ein miserabler Schreiber, sagte er plötzlich. Ich habe aus Verlegenheit geschrieben, ich krallte mich, indem ich schrieb, ans Leben! Es war eine Anmaßung, und das war mir bewusst.