Ein Mensch, ein Feind
September 1st, 2010 § 3 Kommentare
Ich bin, sagte ich gestern noch zu Georg, im Grunde ja kein Menschenfeind. Im Gegenteil, sagte ich, sei ich ein Menschenfreund. Aber genau deswegen, aus meiner Menschenfreundlichkeit heraus, hätte ich im Laufe der Jahre eine tiefe, fast schmerzhafte Menschenfeindschaft entwickelt. Weil nämlich der Mensch, führte ich, von Georgs beinahe manischem Kopfnicken aufgepeitscht, meinen Gedanken weiter aus, schon im allergeringsten Umfang unbelastbar sei, was das eigentlich Menschliche, das Ethische nämlich, angehe. Im Ethischen, auf dem Felde der Moral, könne man die Menschen ja gar nicht als Menschen bezeichnen. In Sachen Moral, sagte ich, sei der Durchschnittsmensch ganz einfach ein Schwein, sagte ich zu Georg, dessen Mienenspiel mich allmählich zu irritieren begann. Ich sagte: Im Vergleich zum Durchschnittsmenschen ist schon jedes Hausschwein eigentlich ein Kulturwesen, ein ganz hochstehendes, beinahe erhabenes Geschöpf! Ja, das Hausschwein, rief ich, sei heute das eigentliche Kulturwesen! Wenn man sich nur ansehe, was heutzutage durch die Straßen laufe, rief ich, Georgs unvermittelt hervorpeitschendem linken Arm ausweichend, aus, kostümiert mit diesen unsäglich vulgären, aus einem Kaufhaus ja eigentlich gar nicht zu verkaufenden, sondern höchstens doch heraus zu schmeißenden Klamotten, da müsse man hinsichtlich der Zukunft dieser dem Hausschwein mittlerweile schon haushoch unterlegenen Spezies die allerdeprimierendsten Schlüsse ziehen. Georg verzog zu meinen Worten sein Gesicht auf eine Weise, wie ich dies bei einem Menschen überhaupt noch nie beobachtet zu haben glaube. Er sagte: Schon wenn man einen Idioten wie Lutz Zubermaier ERNSTHAFT als Schauspieler bezeichne, wo doch schon dessen Umgang beispielsweise mit der Mimik wirklich jeder Beschreibung spotte, dann könne er, Georg, angesichts solcher Phänomene sich meinem eingefleischten Menschenhass nur in der allerrückhaltlosesten Weise anschließen.
Klingt irgendwie bernhardesk.
Und dass ja Bernhards Weltzertrümmerungskunst, die recht eigentlich eine Weltbeschimpfungskunst sei, doch den einzigen Ausweg biete, der noch nicht von all diesem Well-made-Kitsch aus dem Schreib-Ratgeber verbaut sei. Dass das einzige Licht ja noch herstrahle von dieser fast lückenlosen Negativität, weil eben kein Mensch je zuraten würde, so wie Thomas Bernhard zu schreiben, sagte Patho, dessen Einlassungen, schreibt der Blogozentriker, ihn irgendwie an Walter Benjamin erinnerten, auf jeden Fall aber ja Arbeit an einem Trauerspiel seien, weil ja alles heutzutage nur noch ein Trauerspiel sei, so der Blogozentriker, eine vollkommen nutzlose, schmerzhafte Übung in Melancholie.
Da steht er auf verlorenem Posten, weil auch da schon, auf dem an sich schon verlorensten Posten von allen, ja schon von ihm selbst alles aufgegeben worden ist. Dann kommt vielleicht noch einer daher, einer von denen, die bei jedem Verlust etwas verloren haben und macht den bernhardschen Mantraton zum eigentlichen Gewinn. Weil da ja eigentlich garnichts verloren sei, meint dieser Verlustjäger, weil ja der Bernhard eigentlich nur aus Gewinnsucht geschrieben habe, weil der ja eigentlich, angeblich eigentlich nur traurig und verzweifelt, angeblich eigentlich verzweifelt gewesen sei, dass er an allem nur verlieren habe können.
Und so macht dann so ein Verlierer, der ja eigentlich der wahre Verlierer ist aus diesem Verzweifeln von Bernhard einen angeblichen Gewinn, weil der Bernhard ja eigentlich garnicht so gewesen sei, da sei ja alles garnicht so gewesen, weil es ja immer nur eine weinerliche Verlustbeweihräucherung, die es eigentlich immer schöner hätte haben wollen gewesen sei.
In Wirklichkeit und da hat der Blogozentriker Recht, ist ja aber das Verlieren, das eigentliche Verlieren und Beschimpfen schon an sich Gewinn genug, und das ans-Verlieren-verloren-sein, weil es eigentlich garkein Verlust mehr ist, wenn man im Verlieren lebt, was aber dann wieder keiner will, von denen, die dem allen immer etwas abgewinnen wollen, weil sie zu feige, zu bequem und zu feige immer nur weinen wollen über irgendetwas, das sie angeblich verloren haben und dann doch wieder zurück wollen.