Soziale Spastik

September 2nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt gesellschaftliche Erlebnisse, die Menschen als schön oder angenehm empfinden. Etwa: Gemeinsam auf einer Wiese vor einem stillen See hocken, dem Abendland beim Sonnenuntergang zuschauen und Beck’sbier aus der Flasche trinken. Und hinterher wird schön … eh klar.
Gegessen, halt.
Natürlich gibt es auch soziale Erfahrungen weniger runder Art. Z. B. der gestörte Rap des Mitarbeiters über das seit Jahren unaufhörliche Steigen der U-Bahn-Preise. Der Anraunzer vom Chef, weil er einen wieder mit dem gleichnamigen Kollegen aus dem dritten Stock verwechselt. Oder der total besoffene, hypereuphorische Auftritt von Onkel Bob, der in einem Sturz aus dem Fenster gipfelt – zwar nur ebenerdig in den Garten, aber immerhin.
Wie auch immer, durch sein Verhalten kann jeder Einzelne von uns – kurz- oder längerfristig – die Strukturen einer menschlichen Gemeinschaft beeinflussen. Joseph Beuys leitete aus dieser Beobachtung die Idee der „Sozialen Plastik“ ab – dass dabei in seinem Hinterkopf die Erfahrungen der NS-Zeit tobten, ist nicht ganz abwegig. Er hatte ja am eigenen Leibe erfahren, bis zu welchem Grade dieses „Soziale Plastizieren“ zu gehen vermag: vom Braunhemd bis zur Brandruine.
(Darum lässt sich sein berühmter Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler“ auch leichthändig umstülpen zu der selbstberuhigenden Einsicht: „Der Führer ist auch nur ein Allerweltsmensch.“)
Natürlich rubrizierte Beuys unter „Sozialen Plastiken“ nur solche Tätigkeiten, die dem Wohle aller dienen. Die erhellenden oder erheiternden, die Sinne erquickenden oder den Sinn belebenden Charakter haben.
Und also klar in der Minderheit sind.
Ich schlage darum für all die Momente nackter Psychopathie, mit denen wir uns Tag für Tag herumschlagen müssen, für all das zwischenmenschliche Gezerre und Gebelfer, den Ausdruck „Soziale Spastik“ vor.
Für jene Zeit-Raum-Konstellationen, die uns fassungslos, am Boden zerstört oder tränenüberströmt zurücklassen. In einer Art mentalem Spasmus des Nichtverstehenkönnens.
Den Blogozentriker als Sammlung solcher „Sozialen Spastiken“ zu begreifen, stellt bestimmt kein Missverständnis dar.

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