Funkstille
September 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Verdammte Zeit des Übergangs! Noch erinnern sich manche daran, was die Sprache einst hergab, bevor die ebenso unersättlichen wie feigen Weltkonzerne sie in Dienst nahmen, ihr das Mark aussaugten und sie als Seim und Leim über die Kontinente spuckten in Form griffiger, wenn auch unbegreiflicher Slogans.
Sie wurde aufgekauft, könnte man sagen.
Jetzt geht die Sprache als bleiches Gespenst um und sammelt milde Gaben ein bei Hochfahrenden, Großmütigen und Kleingeistigen. Noch besteht sie auf Prunk und Schmuck, auf Relativsätzen, Ironie, Hypotaxen. Das ist der alte Dünkel, man könnte auch sagen: Standesbewusstsein. Doch ihr Herz schrumpft. Sie weiß es selbst, sie ist ja nicht dumm, ihre Tage sind gezählt. Von morgen an wird sie vollends herabgekommen sein zum Vorwand für Grafiken. Ein Aufhänger für Späße – was wahrscheinlich noch weniger ist als ein Hofnarr.
Sie vermisst die Melodien, den Swing, den Zuspruch der Musen. Von aus den Boxen hämmernden Billigmodekettenbeats vermag sie sich nicht zu nähren, das Stammelstakkato der Presse beunruhigt sie nur noch, von den Straßen haben sie die Autohupen verjagt.
Wir alle stehen starr, wenn wir aufs Sprachliche stoßen, und fragen uns vorsichtig, wie man eine heilende Wunde berührt: „Sagt man so? Wirklich? Hat man früher so gesagt?“
Nicht so sehr die Wörter, die Sätze zerfallen uns im Munde wie modrige Pilze. Eine andere Art von Chandos-Erfahrung. Wir fragen ja gar nicht: „IST das wirklich so?“ Wir fragen nur noch leise: „SAGT man wirklich so?“
Nicht sehr tiefgründig, diese Krise, und doch fundamental.
Eine Sprache, die jeder ohne Anstrengung verstehen soll, die den Leuten in den Mund fliegt wie gebratene Tauben, ist halt eher ein Laut, ein Grunzen oder ein Brunsen, als eine wirkliche Sprache. Ein Yeah-Geschrei, ein Geil-Geschreibsel, ein Wow-Gebibber. Komm, kleben wir schnell was Buntes drüber.