A tree is best measured when it’s down
September 9th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
War es das? Konnte er jetzt zufrieden sein?
Er schaute noch einmal auf das Handydisplay. Acht Mal bereits hatte seine Frau in den letzten 32 Minuten versucht ihn anzurufen. Sie musste sich inzwischen Sorgen machen. Warum beantwortete er ihre Anrufe nicht? Warum mied er das Gespräch mit ihr?
Er saß auf der Kante seines gemachten Hotelbetts, im gelben elektrischen Licht, und stülpte die Lippen vor. Gern hätte er an seine Kinder gedacht, aber ihm fiel partout nicht ein, wie sie aussahen. Ihre Namen hatte er abrufbereit. Aber die Gesichter? Sie waren wie weggewischt.
Und deswegen fürchtete er sich, auf den Annahme-Knopf zu drücken, jetzt, da das Handy wieder zu brummen begann.
Er schämte sich.
Er schämte sich, weil ein unangenehmer und gänzlich unerwarteter Zustand Besitz von ihm ergriffen hatte. Ein Zustand, den er sich nicht erklären konnte.
Es war die Stunde unmittelbar nach seinem größten Triumph. Gerade noch hatte er nach einer überschwänglichen Laudatio von Bernd Eichinger auf einem Podium gestanden, eine gespreizte goldene Statuette in den schwitzigen Händen, und seine Dankbarkeit artikuliert. Er hätte schweben müssen. Stattdessen fühlte er sich wie eine Leiche. Seine Hände kamen ihm fremd vor, knotig zwischen seinen Knien herabhängend. War ihm gestern noch das Strahlen so unvorstellbar leicht gefallen, als hätte er einen Scheinwerfer eingebaut gehabt, den er nur anzuschalten brauchte, fühlte er sich mit einem Male erloschen. Und warum? Weil er endlich jene Anerkennung gefunden hatte, nach der er sich jahrelang, jahrzehntelang verzehrt hatte?
So war es wohl. Sie hatten ihn gefeiert. Und ihn dadurch umgebracht.