Profipack
September 10th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Von etwas muss man ja leben.
Warum also nicht von Schauspielerei?
Schon als Kind bin ich dermaßen verbogen und verdorben worden, dass ich alles sagen konnte. Schiller, Goethe, Kleist. Kam mir alles im natürlichsten Ton über die Lippen. Natürlich auch Brasch und Goetz.
Alles kein Problem.
Nur die Wahrheit, die konnte ich nicht sagen.
Klar, werden Sie jetzt einwenden, wo Sie ja eine ähnlich arme, versaute Sau sind wie ich, wer von uns kann denn die Wahrheit sagen?
Zur Wahrheit, werden Sie sagen, sind wir doch gar nicht fähig! Die Wahrheit gibt’s doch für uns nicht. Vielleicht gibt’s die Wahrheit für Gott, aber nicht für unsereins. Was es für mich gibt, sagen Sie, das ist meine Fresse, wenn ich in den Spiegel schaue, und für diese Fresse muss ich einstehen, Tag für Tag. Ich muss meinen Arsch an die Wand bringen. So sieht’s aus, Punkt.
Das, werden Sie sagen, ist die Wahrheit, die ich kenne. Das, werden Sie sagen, ist MEINE Wahrheit, die Wahrheit meines Arsches und meiner Fresse, und eine andere gibt’s nicht.
Wissen Sie, was ich darauf erwidere? Ich erwidere Ihnen: Genau diese herunter gekommene, arschfressige Version der Wahrheit meine ich auch. Von der rede ich. Ist so eine stümperhafte, kümmerliche verkrüppelte kleine Wahrheit etwa zu viel verlangt? Ist es zu hoch gegriffen, für seine eigene Person so einen Witz von einer Wahrheit zu reklamieren?
Aber das perverse Produkt meiner Erziehung ist: Ich konnte nicht einmal MEINE Wahrheit sagen. Ich konnte MICH nicht sagen, ich konnte nicht ICH sagen.
Danke, Mama. Danke, Daddy.
So wurde ich Schauspieler.
Wissen Sie, was meine Spezialität wurde? Leichte Komödien. Wenn man mich aus einem bestimmten Winkel fotografiert, habe ich eine gewisse komische Wirkung. Ich sehe irgendwie niedlich aus, harmlos, zum Anbeißen. Diesen Appeal unterstützte ich natürlich mit verschiedenen Mitteln, mein Agent ermunterte mich dazu. Er sagte: „Daraus kann man doch was machen!“
Mir war’s gleich. Ich hatte keine Scheu, über Stühle zu stolpern, auf Bananenschalen auszurutschen und mir Kaffee über die Hose zu schütten, wenn das Drehbuch es verlangte. Sobald der Rotz abgedreht war, stieg ich in meinen Mercedes und fuhr in mein Loft mit Dachterrasse. Ich entkorkte einen teuren Rotwein und schwelgte im Panoramablick über München.
Im Hintergrund strahlten die Alpen, weiß und rein und majestätisch. Und weit entfernt.
Nein, ich bestand nicht auf Tiefe und langen, ernsthaften Texten. Von mir aus ging’s auch ganz ohne Texte. Gern sogar. Texte machten ja nur Probleme, und Tiefe und Ernsthaftigkeit waren sowieso Mangelware. Die Texte, mit denen ich es zu tun hatte, hielten bloß auf. Bei dem Zeug, das ich drehte, tat ein Blick es genau so gut wie ellenlanges Geseiere von Liebe, Treue und Vertrauen.
In Deutschland, diesem Land der Schwernehmer und Leichtenöter, war meine Bereitschaft zum Flachsinn ein Pfund, mit dem sich wuchern ließ. In die Sprache der Box-Office-Abteilungen übersetzt: Ich hatte echtes Starpotential! Ich setzte mir ein dümmliches Grinsen ins Gesicht, rollte mit den Augen und nuschelte meine Texte, und viele, vor allem natürlich Frauen, fanden das hinreißend.
Andere hassten mich, aber auch das ist ja gut fürs Geschäft.