Koblenzische Dramaturgie

September 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Man träumt so viele Träume“, sagt der Intendant, und Robert-Louis von Kraßkow zuckt zusammen, „und wenn man dann im Zuschauerraum sitzt und sich anschaut, was die Künstler da wieder angerichtet haben, da oben auf der Bühne – das ist oft ganz schön ernüchternd, kann ich Ihnen sagen. Man trägt, als berufsmäßiger Idealist, ja Maßstäbe in sich wie Lessings HAMBURGISCHE DRAMATURGIE, und was einem dann geboten wird“, der Intendant wirft den Kopf in den Nacken und lacht meckernd, „das wäre im Rotlichtviertel eigentlich auch nicht viel fehler am Platz als auf unserer Bühne!“
Von Kraßkow blinzelt hinüber, dorthin, wo die Kamera steht.
Die Kamera surrt leise.
Hinter der Kamera steht Maik und starrt ungläubig.
Der Intendant fährt fort: „Früher habe ich das natürlich auch alles sehr ernst genommen, woran sich auch heute noch die Regisseure und Schauspieler abarbeiten. Die Gesellschaft, die Philosophie, die Kunst. Diese Studentenfragen. Soziale Gerechtigkeit, zwischengeschlechtliche Machtverhältnisse, das große Quo Vadis. Heute sehe ich das alles deutlich entspannter“, sagt der Intendant und verschränkt die Arme vor der Brust, „um nicht zu sagen: Heute ist mir das alles scheißegal.“
Maik hat seine Hand auf die Kamera gelegt. Sein Zeigefinger berührt den schwarzen Off-Knopf. Er wartet auf ein Zeichen des Dramaturgen, um die Aufzeichnung zu stoppen, aber Robert-Louis von Kraßkow sieht offenbar keinen Handlungsbedarf.
Irgendwie scheint ihm das sogar Spaß zu machen, diese Selbst- und Totaldemontage des Intendanten.
„Man darf die Künstler da aber auch nicht zu hart ins Gericht nehmen“, sagt der Intendant jetzt, seine Kaffeetasse hebend. „Sie sind ja“, er trinkt einen kleinen Schluck, „mehr oder weniger Kinder. Infantil. Unzurechnungsfähig, auf jeden Fall aber schuldunfähig.“

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