Die Antwort kam. Jedoch …

September 22nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

… kam sie nicht von der Côte d’azur, sondern aus Mannheim.
„Mann, ich hab’s mir doch gedacht!“, stöhnte Lars, enttäuscht auf den Poststempel starrend, und auch Barbara ließ, zumindest innerlich, in diesem Moment den Kopf hängen.
„Mannheim, so eine Scheiße! Die Côte war nur ein Köder!“
„Ein Köter d’azur“, sagte sie. Sie lachten beide lauthals, sie wussten selber nicht, warum. Dann öffnete er den Brief.

Lieber Herr Abendroth, lasen sie, vielen Dank für Ihre Bewerbung die mich gestern erreicht hat. Aber das klingt ja alles ideal! Sie sind also Schriftsteller? Das ist ja prima. Barbara sah Lars skeptisch ins Ohr. Es ist desto besser … Nun, als studierter Germanist und Historiker wären Sie allerdings ohnedies prädestiniert für die Aufgabe die ich Ihnen zugedacht habe – mit mir zusammen die Chronik meines Lebens zu verfassen! Lars’ Gesicht leuchtete. Kommen Sie einfach sobald Sie können zu mir.
„Offenbar sollst du ihm vor allem bei der Kommasetzung zur Hand gehen“, meinte Barbara.
Ich wohne in Cannes. Im Augenblick wohnen wir meine Frau und ich, weil in unserem Haus zur Zeit die Handwerker sind im Hotel Carlton. Am besten nehmen Sie den Zug. Kommen Sie einfach ins Hotel. Ich bin da.
Es folgte die genaue Adresse des Carlton.

„Unglaublich, oder?“, murmelte Lars.
„Ob es eine Falle ist? Würde man im Fernsehen jetzt sagen.“
„Ich kann’s nicht glauben.“
„Ja, irre. Richtig irre.“ Barbara schüttelte den Kopf. „Ist doch auch komisch, dass er dich nicht mal kennenlernen will. Mit dir telefonieren oder so.“
Lars, der in dieser zweifelnden Bemerkung irgendeine Art von kritischer Relativierung witterte, sagte:
„Er hat halt Erfahrung mit Menschen! Er liest so einen Brief, und er weiß, was er von dem Schreiber zu halten hat. Er ist ein Mann, musst du bedenken, der viel rumgekommen ist.“ Was Lars Abendroth nicht aussprach, war: dass er der relativ festen Überzeugung war, es sei in erster Linie seinem stilistischen Geschick als Briefeschreiber zuzuschreiben, dass das mit diesem Job geklappt hatte. Unterschwellig musste seine Art zu schreiben Pierre Marcisse vermittelt haben, dass er der richtige Mann für ihn wäre.
Anders konnte Lars sich die Sache jedenfalls nicht erklären.

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