Glückseligkeit
September 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Gier war ihr bestimmendes Motiv, ihr Lebensantrieb. Als sie Harry Joy kennen lernte, schlug ihr Herz unwillkürlich schneller. Ihren Mann, der sich, als erfolgreicher Werbeagenturinhaber, insgeheim für eine Art Künstler hielt, verlockte die Idee, sich der Welt neben einer Asiatin zu zeigen, wie sein Idol John Lennon einst neben Yoko Ono. Dieses Motiv zog ihn zu ihr hin. Dass sie Grafikdesign studiert hatte, tat ein Übriges. Künstlernaturen, so sein Kalkül, zogen einander an. Sie gründeten eine Familie.
Sobald die Frau jedoch erkannte, dass bei ihrer Ehe nichts herausgekommen war als verkommene Gören mit inzestuösen Neigungen, erwachte in ihr der Wunsch, den inzwischen heillos ramponierten Provinztraum hinter sich zu lassen und ihr Glück in New York zu machen, es der Welt noch einmal zu zeigen. Überraschend erlitt ihr Mann auf einer Gartenparty einen Herzinfarkt. Für sie die perfekte Gelegenheit. Da Harry kürzer treten musste, legte sie sich desto stärker ins Zeug. Ihre unmenschliche Verbissenheit trug Früchte. Die Firma – JKD – florierte. Die Tür nach New York stand offen. In dem Augenblick jedoch, da sie hindurch treten wollte, schmetterte der Hammer des Schicksals sie grausam nieder. Krebs. Verursacht, wie der Arzt mutmaßte, durch ihre Kindheit inmitten von Benzindünsten.
Ihr mörderischer Antrieb hatte tödliche Früchte getragen. Das wollte sie, empört und ernüchtert, zum Prinzip erheben.
Zu einer letzten Konferenz mit ihren Kollegen erschien sie darum mit einem gefüllten Benzinkanister. Wenn ihr Traum geplatzt war wie eine Seifenblase, sollte es wenigstens einen ordentlichen Wumms geben. Sie wollte enden, wie sie gelebt hatte, auf der Basis von giftigen Dämpfen. Mitten in die Präsentation der neuen, wie erwartet hervorragenden Geschäftsergebnisse, zündete sie ihre selbstgebastelte Bombe.
Die Kulissenwand der Hamburgischen Oper bricht ein, aus dem Tisch faucht eine Rauchsäule empor.