EIER!
September 29th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Gut dann, dachte ich. Dann werd’ ich eben Kellner. Wenn ich schon die Wirklichkeit wirklich kennen lernen will. Alles andere wär’ ja beknackt. Wo ist man denn am nächsten dran am Leben? Wo sitzt man dem Leben auf dem Schoß? Etwa in diesem Kellerloch mit Internetanschluss, wo sie mich für freche Sprüche bezahlen? Nein! Sondern? Wo, wenn nicht in der Kneipe?
Eben.
Ich meine, sagte ich, ich bin ja kein akademischer Wasserkopf. Ich will das pralle Leben fühlen, hier, sagte ich, mit einer obszönen Geste, zwischen meinen Schenkeln!
Na ja, sagte Robo mit einem peinlich berührten Seitenblick zu den anderen Gästen im „Café Seitenwind“, ich solle doch aber mal bitte …
Ach, ach, ach, schrie ich. Was denn? Bitte was denn, bitte? Bitte?
Robo schlug die Hände überm Kopf zusammen, ich zündete mir erst mal noch eine an. Benson & Hedges, und NATÜRLICH sage ich das, weil es Schleichwerbung ist! Warum denn sonst? Weil ich diese beschissenen Zigaretten etwa gern rauche, oder wie?
Fuck you!
Okay, sagte Robo, jetzt beruhig dich mal wieder, Tom. Hey. Ist doch alles im grünen Bereich? Gar nicht nötig, dass wir hier so aus der Haut fahren …
Du, du, sagte ich, du solltest mal aus der Haut fahren, Robo, das täte dir bestimmt mal ganz gut!
Wie er schon immer da säße, fügte ich hinzu, regungslos, kalt glotzend wie ein Killer.
Pause.
Wie ein Killer?, fragte Robo vorsichtig nach, weil er sich nicht sicher war, richtig gehört zu haben.
Wie ein Killer!, kreischte ich, da ich wirklich langsam die Nerven verlor.
Darf man vielleicht mal fragen, was hier überhaupt los ist?
Zum Glück betrat Toms Freundin just in diesem Augenblick die Szene, wie Robo dachte. Liana. Schon der Name war Programm. Sie umschlang jeden mit ihrer fast übermenschlichen Freundlichkeit, die Gäste, die Frau hinter dem Kuchentresen, das ganze „Café Seitenwind“. Robo war in seinem Leben einigen Leuten begegnet, die wirklich Höflichkeitsterror aufzubauen wussten. Aber Liana war ein Fall für sich. Sie spielte in ihrer eigenen Liga. Sie hätte Jack the Ripper dazu bewegen können, erst mal ein Tässchen Tee zu trinken, bevor er all diese reizenden Damen im East End zerstückelte …
Robo, sagte Liana, sich Robo mit zuckersüßem Lächeln zuwendend, du hältst jetzt bitte mal kurz die Klappe, während ich hier mit meinem Macker ein paar Fragen kläre. Okay?
Was, rief Robo aus. Aber gerade hab ich den Lesern noch deine Freundlichkeit gepriesen, deine Höflichkeit, deine Meisterschaft im Beherrschen des richtigen Tones …
Ja, du spinnst ja auch, sagte das Mädel knapp und packte mich bei den Haaren.
Ist dir das wirkliches Leben genug?, rief sie dazu aus. Reicht’s mit der Authentizität?
Aua, rief ich. Auathentizität ist das!
Dann nimm das, fauchte meine Liebste und gab mir einen direkt in die