Aus den Aufzeichnungen eines arte-Regisseurs (#8)
September 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Wie soll ich diesen Tag nur überstehen? Ich begreife es nicht, begreife gar nichts mehr. Die Vorstellung, jetzt dieses Stück zu Ende schreiben zu müssen, frisst mich auf. Wie? Wohin? Vor beinahe acht Jahren habe ich die Arbeit daran abgebrochen, keinesfalls ohne Grund, sondern zutiefst verzweifelt, fast schon beschämt. Ich hatte mich verrannt, zu tief gegraben, zu viel preisgegeben … Schon seit Tagen quält mich der Gedanke, diesem Monstrum von einem Text wieder gegenüber treten zu müssen – die Unvermeidlichkeit meines Scheiterns lässt mein Herz zittern.
Um vier Uhr früh bin ich aufgewacht, ganz durcheinander, konfus, verloren … « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Thilo Sarrazin
September 7th, 2010 § 1 Kommentar
Warum hielt der Blogozentriker sich bislang so schamhaft bedeckt in der Sarrazin-Debatte? Ist gerade sie nicht ein Thema, mit dem sich massenhaft Neukunden (vulgo: Leser) generieren (vulgo: herbeilocken) lassen, wie Thomas Pfitzheimer letzten Donnerstag in seinem Aufsehen erregenden Xing-Impuls-Referat „Neukunden gewinnen im Zuge sich entwickelnder Debattenkultur“ im Nürnberger Bratwurstglöckle überaus überzeugend dargelegt hat?
Weiter gefragt: « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Da waren wir platt!
September 5th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„Shooting Star“ — ein aufgebrachter Leserbriefschreiber belehrte die leserbrieflesende Republik (darunter mich) heute früh qua „Süddeutsche Zeitung“, dass dieses Wort im Englischen eine Sternschnuppe bezeichne, also etwas, das gleich verglüht sein wird, ein vorübergehendes, transitorisches Phänomen.
Wenn ich den Leserbrief richtig verstanden habe, benutzen viele Federfuchser den Begriff falsch, weil sie denken, der Shooting Star schieße in die Höhe, um dort zu bleiben. Ich aber kann jetzt, belehrt, guten Gewissens sagen: De Fofftig Penns, das waren drei Shooting Stars!
Sie schossen in die Höhe, elektrisierten das Land — und verschwanden dann mit einem letzten Funkensprühen in der ewigen Nacht der Weltgeschichte.
Was heißen soll: « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Verlustpartie
September 5th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Bob trat auf den Balkon. Er fuhrwerkte mit dem Korkenzieher an einer neuen Flasche Corbières herum, und ich fragte mich, die wievielte das jetzt eigentlich sei?
Fünf?
- Was Verlust angeht, sagte Bob, leicht schwankend vor den Blumenkästen, bin ich ein absoluter Experte! Ich glaube, niemand weiß über Verlust so viel wie ich!
Jasmin hielt geräuschvoll den Atem an. Eigentlich war der Konsens, den sie mit ebenso vielen Worten wie Tränen hergestellt hatte, der, dass SIE es war, die alles über Verluste wusste. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Präsentation von Herrschaft
September 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„230 PS“, rief der Mann im dunklen, leichten Anzug, der Leiter der Marketingabteilung, „das müssen Sie sich einmal vorstellen! Was für eine Kraft da unter der Motorhaube unseres Babys schlummert. Und? Was machen wir nun aus dieser immensen, märchenhaften Power?“
Er drehte sich um und drückte dabei auf den Knopf in seiner Hand, über den er seine Powerpoint-Präsentation steuerte. Das nächste Chart wurde angezeigt:
EIN KÖNIGREICH FÜR 230 PFERDE.
Dem Big Boss stand vor Überraschung der Mund offen. Seine Zigarre fiel heraus. Dann rief er: « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Interface
September 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Thomas Gottschalk, Moderator von „Wetten, dass … ?“, besuchte meine Seele heute Nacht. Er hatte eine Königskobra dabei, ein Riesenvieh. Damit vollführte er einen Trick, mit dem man ihn definitiv auch dann in seine Sendung gelassen hätte, wenn er nicht ohnehin seit Urzeiten der Gastgeber wäre.
Er stopfte sich nämlich das kinderarmgroße Reptil in sein rechtes Auge. Keine Ahnung, wie er das anstellte! Aber das Tier verschwand Stück für Stück im Kopf des weiterhin munter quasselnden Showgiganten. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Funkstille
September 3rd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Verdammte Zeit des Übergangs! Noch erinnern sich manche daran, was die Sprache einst hergab, bevor die ebenso unersättlichen wie feigen Weltkonzerne sie in Dienst nahmen, ihr das Mark aussaugten und sie als Seim und Leim über die Kontinente spuckten in Form griffiger, wenn auch unbegreiflicher Slogans.
Sie wurde aufgekauft, könnte man sagen.
Jetzt geht die Sprache als bleiches Gespenst um und sammelt milde Gaben ein bei Hochfahrenden, Großmütigen und Kleingeistigen. Noch besteht sie auf Prunk und Schmuck, auf Relativsätzen, Ironie, Hypotaxen. Das ist der alte Dünkel, man könnte auch sagen: Standesbewusstsein. Doch ihr Herz schrumpft. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Soziale Spastik
September 2nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Es gibt gesellschaftliche Erlebnisse, die Menschen als schön oder angenehm empfinden. Etwa: Gemeinsam auf einer Wiese vor einem stillen See hocken, dem Abendland beim Sonnenuntergang zuschauen und Beck’sbier aus der Flasche trinken. Und hinterher wird schön … eh klar.
Gegessen, halt.
Natürlich gibt es auch soziale Erfahrungen weniger runder Art. Z. B. der gestörte Rap des Mitarbeiters über das seit Jahren unaufhörliche Steigen der U-Bahn-Preise. Der Anraunzer vom Chef, weil er einen wieder mit dem gleichnamigen Kollegen aus dem dritten Stock verwechselt. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Ein Mensch, ein Feind
September 1st, 2010 § 3 Kommentare
Ich bin, sagte ich gestern noch zu Georg, im Grunde ja kein Menschenfeind. Im Gegenteil, sagte ich, sei ich ein Menschenfreund. Aber genau deswegen, aus meiner Menschenfreundlichkeit heraus, hätte ich im Laufe der Jahre eine tiefe, fast schmerzhafte Menschenfeindschaft entwickelt. Weil nämlich der Mensch, führte ich, von Georgs beinahe manischem Kopfnicken aufgepeitscht, meinen Gedanken weiter aus, schon im allergeringsten Umfang unbelastbar sei, was das eigentlich Menschliche, das Ethische nämlich, angehe. Im Ethischen, auf dem Felde der Moral, könne man die Menschen ja gar nicht als Menschen bezeichnen. « Den Rest dieses Eintrags lesen »