Da draußen dadaheim

Oktober 4th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Ich hab da so eine Idee für ein Veranstaltungsformat. Hab ich hier am Theater auch schon vorgeschlagen, dieser merkwürdigen Dramaturgin, die immer so herumschreit. Ein ganz simples Format: eine leere Bühne und ein Mann. Ich. Und sein Lieblingstext. Titel der Reihe: „Das literarische Solo“.
- Eine Wahnsinnsidee.
- Nicht übel, oder?
- Diese Dramaturgin war doch sicher angetan?
- Sie hat zumindest nicht herumgeschrien.
- Was willst du lesen? Du warst immer so ein Thomas-Bernhard-Fan, oder?
- Ich hab in Wien viele Thomas-Bernhard-Abende gemacht, stimmt.
- In Hamburg damals auch.
- Und in Berlin.
- Also Thomas Bernhard? „Über allen Gipfeln ist Ruh“? Toll!
- Na! Thomas Bernhard? Den kannst du in Alblingen nicht lesen!
- Was?
- Das passt hier nicht her.
- Ich versteh nicht …
- Das hieße, Eulen nach Athen tragen. Das würden die Alblinger ganz, ganz übel aufnehmen.
- Aber was dann? Was willst du machen?
- Ich hab an Hamsun gedacht.
- Hamsun?
- Knut Hamsun.
- Na klar. Aber – Hamsun?
- „Hunger“.
- Auch ein genialer Text, ja, aber …
- Besser als Bernhard. Viel besser. Und passt auch besser hierher. Da muss sich keiner auf den Schlips getreten fühlen, verstehst du?
- Handelt „Hunger“ nicht von einem gescheiterten Schreiberling, der gegen das Verhungern ankämpft in kalten, finsteren Nächten in Kristiania?
- Ja, ja, genau.
- Hat doch aber überhaupt nichts mit Alblingen zu tun? Hier werden doch noch die ärgsten Dilettanten mit Stipendien gepäppelt!
- Ja, genau! Aber genau aus diesem Grunde werden die Alblinger diesen Text LIEBEN! Weil er ihnen zeigt: „Ihr macht’s richtig! Ihr helft der Kunst, ihr unterstützt bedürftige Künstler.“
- Das ist doch grundverlogen!
- Exakt. Grundverlogen. Die Alblinger werden diesen Abend LIEBEN.
- Weil er so schön verlogen ist?
- Weil er so schön … die Themen der Stadt von einer anderen Seite beleuchtet. Stell dir mal vor, jemand schriebe kritisch über Alblingen. Also nicht diesen Wohlfühlmüll, diese Steppenwolfpoesie. Sondern wirklich Sachen, die diese Stadt und ihre Probleme, ihre Bürger, mal hart anpacken. Dieser Mensch hielte es in der Stadt doch keine fünf Tage aus. Der würde hier doch nie und nimmer geduldet. Den würde man höchst offiziell aus der Stadt jagen!
- Und du willst vermeiden, dass dir das passiert?
- Thomas Bernhards „Über allen Gipfeln ist Ruh“ – das IST diese Stadt. Das wäre für die Leute nicht zum Aushalten. Die bekämen einen ganz schlechten Eindruck von mir.

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