Leidmotiv

Oktober 8th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Sie steckten Kasper als Erstes mal in den Keller. Die Mutter vermochte keine „emotionale Bindung“ zu dem Kind aufzubauen, wie ihr Verteidiger viele Jahre später vor Gericht dozierte. Der Vater war eh ein harter Hund, selbst unter unsäglichen Misshandlungen, unter Missachtung noch der simpelsten Gebote von zwischenmenschlichem Anstand aufgewachsen. Den Verdacht, er habe seinen Vater an einem kalten Herbstabend eigenhändig totgeschlagen, nach einer Sauftour, mit Dutzenden von härtesten Tritten an den Kopf, konnte er nie endgültig ausräumen. Beweisen ließ sich das Delikt aber auch nicht.
So wuchs Kasper im Dunkeln heran, stinkend, bedeckt mit Schorf und Rotz, sich von Exkrementen nährend, des Tageslichts entbehrend. Ein Tier eher als ein Mensch.
Sein Onkel Sergej, ein ukrainischer Freischärler, der bei seinem Bruder untergetaucht war, weil die ganze Nato nach ihm suchte, brachte ihm zu essen, in einem dünnen Aluminiumnapf. Eines Tages biss Kasper dem Onkel die Halsschlagader durch, ungeklärt, warum; die Umstände deuten darauf hin, dass der Freischärler ihn sexuell missbrauchen wollte.
Über die Leiche hinweg stürmte Kasper nach draußen, trat noch seiner Oma in den Wanst, der Monströsesten von allen, und verschwand in die Freiheit. Die Oma starb Tage später an inneren Blutungen; niemand beklagte ihren Tod.
In New York arbeitete Kasper, der aus der Kälte kam, sich zum Chefredakteur eines Kulturmagazins hoch, strengte, aus sicherer Position, eine Klage gegen seine einstigen Peiniger in Deutschland an, die „Eltern“ zu nennen er bis zum Schluss verweigerte.
Eines Morgens während des Verfahrens sprang er dann in die Tiefe, aus dem 42. Stock.
Es war seine „Declaration of Independence“. Sie konnten ihn zerstören, aber nicht besiegen.
Auf dem Pflaster zu zerschellen, empfand er als Triumph.

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