Telly Vision

Oktober 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Bevor es das Internet gab“, erinnert sich der Blogozentriker mit einem Schmunzeln, „hab ich immer meine Tagebücher herumliegen lassen. In Pubs wie diesem hier, zum Beispiel. Ich hab das Zeug einfach ausgelegt und geguckt, wie die Leute darauf reagieren. War schon witzig.“
Das „Flann O’Brien’s“ in Dortmund. Hierher hat der Blogozentriker uns bestellt. Über seine Webseite haben wir Kontakt zu ihm aufgenommen. Um halb acht waren wir verabredet, um halb neun warten wir immer noch. Als dann ein Hüne hereinkommt, dessen Unterkiefer so schwer ist wie mein Arm, bin ich zunächst geschockt. Doch Entwarnung: Es ist nur Dizzy, der Leibwächter des Blogozentrikers.
Der Blogozentriker selbst ist ein dünnes Männchen, auch ziemlich klein, überdies von einem Buckel verunstaltet. Sein markantestes Merkmal: die hohe, splitterige Stimme. Verpackt ist er in einen roten Mantel.
Warum der Leibwächter?
„Bei dieser ganzen Scheiße, die ich so geschrieben habe“, lacht der Blogo schrill, „ist es doch wohl kein Wunder, dass mir einige Leutchen nach dem Leben trachten!“
Dizzy tastet uns ab, kassiert unsere Diktiergeräte. Der Blogozentriker will vermeiden, dass Dokumente über ihn in Umlauf geraten: „Damit könnte man mich identifizieren, und das muss nicht sein!“
Dann sagt er, dass er immer schon gebloggt habe. Auch als es die erforderliche Technologie noch nicht gab, Anfang der Neunziger. „So hab ich beispielsweise unter dem Vorwand, Lyrik zu lesen, meinen Rotz in Jugendzentren zum Vortrag gebracht. Das gab manchmal ganz schön heiße Szenen! Sie glauben nicht, wie Lyrik-Fans abgehen, wenn sie sich verscheißert fühlen!“
Immer schon diese wirren Texte? Diese Freihand-Notate?
Der Blogozentriker nickt. „Klar. Jazz. Das war für mich immer das Höchste. Wie Charlie Parker einfach rauf auf die Bühne, und dann los. Auch ein leeres Blatt Papier ist ja eine Bühne, wenn Sie das entsprechende Equipment im Kopf haben.“
Der Blogozentriker sagt, er hasse es, über Dinge nachzudenken. „Wer nachdenkt, ist schon tot“, sagt er. „Den Satz hab ich mal in einem Film gehört, ich glaube, mit Telly Savalas. Irgendwie fand ich diesen Satz bescheuert, aber gemerkt hab ich ihn mir trotzdem. Heute hab ich ihn zu meinem Programm gemacht, denn er ist einfach wahr!“

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