Bergs Talfahrt
Oktober 25th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Als zöge Attila Berg seinen Blick ganz tief aus seinen Eingeweiden heraus, so verzögert erreicht dieser die Augen des Doktors.
Doktor Weinheimer.
Der Arzt blickt ernst, dabei nicht unfreundlich. Still.
Er hat seinen Kopf leicht schräg gelegt. Nach links. Aus Attila Bergs Perspektive.
Es fühlt sich an, als bewegten seine Lippen sich autonom, als Attila Berg jetzt antwortet. Als wäre ich ein Anderer, denkt Attila Berg. Dieses Gefühl kennt er aus zahllosen Meetingsituationen, mit Kunden, mit Mitarbeitern von n+2. Wenn er ihnen seine Motivationsvorträge hält, sie zu mehr Sorgfalt ermahnt, ihnen für ihren Einsatz dankt und ihre Ingeniosität preist.
Jedes Mal ruft das sein Erstaunen hervor. Wie souverän er diese Rolle spielt.
Wie er die Lage meistert.
Wie wenig er dann er selbst ist!
Das aber ist etwas anderes.
Jetzt sagt er:
“Wie lange habe ich noch?”
Doktor Weinheimer weicht seinem Blick nicht aus.
“Zwei Monate”, sagt er. “Höchstens.”
“Schmerzen?”
“Ich werde Ihnen Morphium geben …”
“Warum habe ich keine Schmerzen?”
Der Arzt lehnt sich zurück in seinen face2buns.
“Ehrlich gesagt, wundert mich das auch. Sie sollten Schmerzen haben, bei dieser Metastasierung.”
“Ich bin unwiderruflich verloren?”
“Es tut mir sehr leid. Wir haben Morphium.”
Attila Berg steht auf.
“Ich melde mich dann, im Bedarfsfalle.”
Auch der Arzt erhebt sich aus seinem face2buns. Er faltet seine schönen Hände vor dem Schritt, die Daumen aneinander gelegt. Gepflegte Hände. Hände, die noch eine große Zukunft vor sich haben.
“Melden Sie sich, Herr Berg”, sagt er.
“Wir werden sehen.”