GEnIaLE Idee

Oktober 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Der junge Mann schaut nicht gerade glücklich aus der Wäsche.
„Ich weiß nich“, sagt er, leicht verzweifelt. „Vielleicht haben wir da doch unsere Seele verkauft? Auf jeden Fall unseren Arsch? Oder, Bino? Was meinste?“
Der Angesprochene, ein ausgebildeter Jazz-Schlagzeuger und zur Zeit an der Pop-Akademie in Mannheim eingeschrieben, ein blonder, schlaksiger Hüne, wirkt ebenfalls ratlos.
Sehr ratlos.
„So ganz mein Ding ist diese Musik nicht“, sagt er endlich. „Nee. Elektro-Hip-Hop.“
„Das ginge ja noch“, platzt es jetzt aus dem Ersten heraus. „Aber Plattdeutsch?“
„Jetzt aber raus, verpfeift euch!“, rumpelt ein Security-Mann und schubst die beiden jungen Musiker hinaus in den kalten Abend.
Er hat einen Funkknopf im Ohr und schaut sehr grimmig.

Szenenwechsel.
Der Plietsche Torbän hat sein grinsendstes Grinsen aufgesetzt. An der Seite seiner Mitstreiter lümmelt er auf der kanariengelben Besetzungscouch des BR und reißt einen Witz nach dem anderen. Waldi Hartmann, Fußball-Experte a. D., streicht sich über den abrasierten Bart und nickt. Und nickt. Er nickt zu jedem Wort, das der Plietsche Torbän, für seine Freunde einfach auch „Pleetch“, spricht.
„Eine geniale Idee“, sagt er. „Wir lassen einfach andere, wirkliche Musiker die Arbeit machen. Wir streichen nur das Geld ein. Manchester-Kapitalismus pur, aber in München.“
„Ganz so ist es ja auch nicht! Immerhin“, gibt Riemelmeester Malde säuerlich zu bedenken, „hab ich die Songs geschrieben!“
Selbst hinter seiner skurrilen Showsonnenbrille sieht man, dass seine Augen sich mit Tränen füllen.
Der Kommodige Jaykopp schweigt zu allem, wie es so seine Art ist. Aber er schweigt blond, aber auf vorwurfsvolle Art.
„Ja, schon, Jungkeerls, klar“, winkt Pleetch ab, der merkt, dass er sich im Ton vergriffen hat, „aber die Songs sind ja Schund. Oder? Mehr oder weniger. Oder? Das wissen wir doch alle?“
Der Riemelmeester schweigt.

Sie seien ja alle keine richtigen Musiker, fasst Pleetch bald darauf eine längere, sehr erbittert geführte Auseinandersetzung mit seinen zwei Kollegen zusammen.
„Aber die Jungs, die jetzt an den Straßenecken Münchens, in Regen und Wind und leise fallendem Schnee, unsere Songs performen, mit tropfenden Nasen und kratzenden Kehlen – die sind allesamt hochkarätig ausgebildet! Toll!“

Okay. Mal ganz grundsätzlich gefragt: Was ist denn hier los?

In den Studios des Bayerischen Rundfunks ließen die Fofftig Penns „handverlesene“ (PR-Text) Straßenmusiker die Songs ihrer neuen Scheibe „Fofftig Hot-Penns“ vorab einstudieren. Dann schickten sie die meistenteils jungen Leute (nur ein ehemaliger Cellist der Staatsoper Unter den Linden war dabei) zurück an ihre zugigen Straßenecken, wo sie „das erlernte Liedgut zum Vortrag bringen“ sollten (Pressemitteilung).
„Wenn sie Glück haben“, murmelt der Kommodige Jaykopp, „fallen ja auch ein paar Penns für sie ab.“
Der Riemelmeester, bekennender „Humanist und Tierfreund“, fröstelt.

„Ich find die Idee toll“, sagt Waldi Hartmann, „eine geile Idee ist das! Mich ärgert nur“, und er rammt sein Weizenbierglas in einer Aufwallung heißen Zorns auf den grob gezimmerten Redaktionsschanktisch, „dass dieser geile Scheiß nicht mir eingefallen ist! Sakkerment!“
Waldi schweigt verzweifelt, und Pleetch grinst wieder sein grinsiges Grinsen.
„Uns kam diese Idee, unser neues Album zu promoten“, sagt er, „als wir in einer Kneipe in Berlin spätnachts so einen hochbegabten, topqualifizierten Bassisten kennen gelernt haben. Der war ein Säufer, total verzweifelt, völlig pleite. Dem haben wir ein paar Schnäpse spendiert, und er hat uns gewisse Einblicke gewährt. Der war schlicht und einfach zu gut für das Business. Mit Talent hast du ja keinen Erfolg, da bleibst du im Background. Du musst auf ein cleveres Marketingkonzept reduzierbar sein – das ist der Schlüssel zur Kasse. Wenn Sie verstehen“, plietsches Zwinkern, „was ich meine?“

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