Ausweg

Oktober 28th, 2010 § 2 Kommentare

„Okay, das werd’ ich gleich mit denen besprechen …“
Plötzlich fiel Bob Macha auf, dass er den Hörer längst aufgelegt hatte; sein Kurzzeitgedächtnis war sich halbwegs sicher, dass der Gesprächsabbruchvorgang zwischen den Wörtern „das“ und „werd’“ erfolgt sein musste. Vollkommen unbewusst. Positiv formuliert: eine Bauchentscheidung. Old School: eine Freud’sche Fehlleistung.
Er starrte zu Georg hinüber, der sich mal wieder schwarz ärgerte, weil jemand eine wirklich gute, geile, geniale Marketingidee gehabt hatte.
Georgs Gesicht schien sich zu einer Faust zu ballen. So starrte er auf sein iPhone, die Ohrstöpsel eingehängt, am Draht einer Welt, die irr geworden war.
Bob fragte sich, wieso alle Welt sich dauernd witzige Ideen ausdachte, um Dinge zu verkaufen, für die kein normaler Mensch auch nur einen Cent hingelegt hätte unter halbwegs menschlichen Bedingungen.
War es nicht auch in diesem Telefongespräch eben um so eine Sache gegangen? Er überlegte. Irgendein Internetauftritt? Für eine Privatbank?
Jedenfalls hatte er doch angekündigt, mit irgendjemandem irgendwas zu besprechen, wenn er das jetzt auf die Schnelle noch richtig rekonstruieren konn-
-da platzte auch schon Rüdi Schwerdtfeger herein. Wuscheliger Blondkopf, breites Grinsen, ewig gute Laune. Der Praktikant, seit einigen Jahren.
„Bob“, rief er, „da ist so ein Theater am Telefon. Ob du nicht Lust hättest, deren Dramaturgie zu übernehmen?“
Bob Macha wollte schon überlegen. Dann ließ er seinen Bauch machen. Oder den alten Freud, je nachdem.
„Klar, mach ich!“, rief er begeistert aus und sprang auf.

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§ 2 Antworten auf Ausweg

  • Schön formuliert: Georgs Gesicht schien sich zu einer Faust zu ballen.

    Aber Irrsinn ist doch zutiefst menschlich: Wenn die Geschichte irgendetwas beweist, dann eher das, als die hegelsche Gegenthese…

  • der blogozentriker sagt:

    „Irrsinn? Ist doch normal!“
    Wieso flackerten diese Wörter jetzt in seinem Hirn auf, wie eine defekte Leuchtreklame? Jack begriff es nicht. Jack schluckte, und da war der salzige, kalte Geschmack von Blut in seinem Mund.
    Und dann die Angst, die Panik. Wie eine eiskalte Faust, die durch seinen Schlund nach seinem Herzen griff.
    Der Typ mit der Ledermaske!
    Er hatte nur nach dem Weg fragen wollen. In diesen Wäldern, in denen man den Himmel vor lauter Bäumen nicht sah, verlor man unweigerlich die Orientierung. Man schien immer wieder an denselben Straßenecken aufzutauchen, wie ein Geist im Jeep, als wäre man schon tot und verdammt, hier herum zu spuken, für alle Ewigkeit, in entnervender Monotonie.
    Er hatte gedacht: He, da ist einer! Ein Einheimischer! Ich halt mal an, der kann mir sicher weiterhelfen …
    Er hatte hinter seiner Windschutzscheibe nur diesen breiten, vierschrötigen Rücken gesehen. Die gewürfelte Holzfällerjacke.
    Er erinnert sich jetzt auch an die Überraschung, als der Typ sich umdrehte und ihm diese grob genähte, flickenartige Ledermaske zeigte.
    Hinter dieser Maske ein vogelartiger, irrer Laut …
    Jack hört seinen eigenen Atem, einen wilden, verzweifelten Blasebalg, oder ein Greifvogel, der sich aus einer Falle befreien will. Er sieht seine Arme, mit Striemen verkrusteten Bluts tätowiert, neben seinem Gesicht in die Höhe gehängt, die Handgelenke abgeknickt von erbarmungslosem Stahl. Sein linkes Auge lässt sich nicht öffnen.
    Die Schmerzen.
    Menschen sind irrsinnig. Das ist normal.
    Der Typ mit der Ledermaske macht sich an seiner Werkbank des Grauens zu schaffen. Dolche, Messer, Skalpelle, Lanzetten, Nadeln in jeder Größe, Spritzen, eine Kettensäge von Stihl.
    Der gleiche vierschrötige Rücken, die gleiche Holzfällerjacke. Abgetretene, verranzte Stiefel.
    Der Typ mit der Ledermaske pfeift vor sich hin. Er nimmt ein Frühstücksmesser, ziemlich stumpf, prüft es. Schwarzer Rost ist an der Klinge zu sehen.
    Er pfeift, jetzt erkennt Jack es endlich, die Ouvertüre von Mozarts „Così fan tutte“.
    Jack ist Musikwissenschaftler.
    War.

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