Vorschuss ins Genick
November 5th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
„Seit Jahren wird dieses Buch von unserem Verlag angekündigt, aber …“
„Was ist das Problem? Was-ist-das-Prob-lem? Hä? Ich meine, wir haben fünf Millionen Vorbestellungen! In Worten: 5.000.000! Die Memoiren eines Rockkritikers, der seit bald 20 Jahren an der ‚Great German Novel’ (GGN) schreibt! Jeder, jeder will das lesen. Die Leute sind süchtig danach, die Hysterie schäumt durch die Straßen. Gestern ruft mich noch Christoph Maier von der SZ an, der ist sogar bereit, keinen Verriss zu schreiben. Ich meine, hast du auch nur den blassesten Schimmer, was das bedeutet? Das bedeutet, in Versalien, bitte: Zum ersten Mal seit der beschissenen ‚Blechtrommel’ wird von einem Roman wieder etwas – fuck, nein, scheiß auf ETWAS: zum ersten Mal wird ein Roman ERWARTET! Erwartung liegt in der Luft, Randy! Man will kein beschissenes verarschtes verramschtes Event, man will einen Roman! EINEN ROMAN! Papier, Buchstaben auf Papier, seitenweise. Aber die Leute LECHZEN danach! Und dieser verdammte …“
„Drogen“, sagt Randy Caruso, die Stahltür aufstoßend. „Es sind die verfickten Drogen, die ihm das halbe Gehirn …“
„Es wird doch wohl reichen, um einen scheiß Roman zu schreiben? Oder? Reicht es nicht mal mehr aus“, Bob Macha reißt seine verschissene scheiß Cola-Dose auf, „um einen Roman zu schreiben? Wie viel Gehirnmasse muss man bitteschön verlieren, um zu einem ROMAN nicht mehr fähig zu sein?“
Bob lässt sich gegen die Wand fallen. Er spürt, dass eine Erkältung in seinem Gedärm heraufzieht. Oder etwas Schlimmeres.
„Wir können diese Nummer einfach nicht länger durchziehen, Bob.“
Randy Caruso sieht wirklich fertig aus am Ende dieses (auch) langen Tages. Ihm hängt alles zum Hals raus, und das sieht man.
Bob schüttet sich zwei Drittel des Inhalts seiner Cola-Dose in den Hals. Zucker, ein bisschen Koffein, massenhaft Farbstoffe und andere Dreckschemikalien. Ihm ist ebenfalls zum Kotzen zumute.
Aber beide, Randy Caruso nicht minder als er, sind Profis. Kugelsicher gegen jedes echte menschliche Gefühl.
„Du meinst, Mann, wir müssen die Karten auf den Tisch legen?“
Bobs Augen sind müde, und auch seine Lippen hängen schlaff um diesen Satz herum. Sie lassen ihn gehen, aber sie ahnen, dass etwas Furchtbares geschehen wird. Selbst sein altes Literaturagentenherz fühlt ein kurzes Schaudern.
„Er wird ihn nicht vollenden.“
Bob Macha lässt den Kopf hängen. Ein Gedanke, so schwer wie ein Fallbeil, ist ihm gerade gekommen. Er kaut auf diesem Gedanken herum, eine Weile, dann hebt er seinen Blick. Die Augen schauen noch müder jetzt.
„Es gibt nur eine Lösung, Mann.“
„Welche?“
Randy Caruso guckt auf die Uhr. Judith Bärmann wird gleich lesen, aus ihren fein gesponnenen Kurzgeschichten, die mit dem „Brigitte“-Preis ausgezeichnet wurden. Elke Eisenreich persönlich will die Einführung halten. Da ist er lieber dabei, um der prominenten Literaturtante notfalls ins Wort zu fallen.
„Wir müssen Tommy Schnell umlegen lassen.“
„Und dann …“
Randy Caruso hat ja auch schon drüber nachgedacht, schon vor Monaten, vor Jahren. Er fährt sich mit den schlanken Fingern durch das graue, gepflegte Haar.
Ganz kalt ist der Blick von Bob Macha jetzt: „Du weißt, dass er das beschissene Buch nie und nimmer beenden wird. Oder?“
„Es sind die Drogen.“
Randy Caruso legt die Hand über seine Augen. Es ist grauenhaft, aber er fühlt Erleichterung.
„Dann“, sagt Bob Macha, „lassen wir den Text von einem Lektor zusammenstöpseln und geben der Masse endlich, was die Masse will.“
Randy Caruso tritt einen Schritt zurück.
„Kennst du jemanden, der das erledigen kann?“
„Irgendeine deiner hochbegabten Praktikantinnen.“
„Quatsch. Ich meine, die Exekution.“
Bob Macha zieht statt einer Antwort sein Handy aus der Tasche.