Dr. Jackal
November 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Nichts ist mir im Grunde so zuwider wie die Position eines Erzählers.
Nein, ich ertrage das ERZÄHLERISCHE nicht mehr. Selbst in der Kunst, so würde ich’s mal ausdrücken, hat Wert nur, was real ist. Das gilt auch fürs Ausgedachte. Alles muss real sein. Und wie soll denn bitte das Gerede eines Erzählers real sein? Wo ja schon der Vorgang des Erzählens ein Zurechtlügen darstellt? Rein per definitionem?
Das Narrative ist das genaue Gegenteil des Realen.
Kein Wunder, dass das Muster der Narrativität der Text ist, der Roman. Das Epos.
Was passiert da?
Es wird so lange auf die Sachverhalte eingeklopft, bis sie in Streifen zu schneiden sind. Dann klebt man diese hintereinander, und fertig ist der Tausendseiter.
Alles Schwachsinn.
Darum bin ich mehr und mehr zum Dialog übergegangen … weil Realität ja letztlich nichts anderes als die Stile und die Stoffe bezeichnet, die Menschen aus dem Mund kommen.
Ich hatte früher eine hündische, blinde Verehrung für die Stimme des Erzählers … ich hielt das für das größte Erreichbare des menschlichen Geistes.
Thomas Mann.
Die Dinge ordnen, sie in die letztgültige Ordnung bringen.
Sie fügen.
Der Gott des Papiers.
Schrecklich!
Heute macht mich das wirklich KRANK.
Schon der Zusammenhang ist ja eine Lüge.
In einem Theaterstück könnte man das vielleicht.
Oder wenn einer die Brüchigkeit, das Berüchtigte seines Sprechens ausstellt, wie Thomas Bernhard.
Trotzdem muss erzählt werden.
Tun wir ja alle. Und darf man der „Bild“-Zeitung den Platz des letzten Erzählers lassen?
Ich hab schon überlegt, ob ich vielleicht die Comics, deren Produktion Attila frustriert aufgibt, selbst zeichnen sollte. Einfach einfügen, so wie andere Autoren Fotos einfügen. Vielleicht wirklich mehr übers Material kommen … jeder Moment ist ja Material. Muss Material sein. Nicht Teil eines organischen Gewebes. Sondern ein abgespaltenes Element. Etwas, das jemand ausgekotzt hat. Wovon sich etwas/jemand befreit hat.
So funktioniert das Leben. Ein schlangenartiges Riesendings schüttelt unsere Momente von sich. Wir sammeln diese Momente ein, bedecken damit unsere Nacktheit und halten uns für mythische Figuren.