Porträt
November 9th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Ja, wie, ein Porträt?
Bob sah echt ratlos aus. So ratlos hatte selbst ich ihn selten gesehen. Er hob den Hals seines Flaschenbieres an die Lippen.
Georg kratzte sich die Nase.
- Na, wo doch der Blogozentriker 70 wird. Und Pete Doherty will ja extra einen Song zu diesem Anlass komponieren.
- Der Blogozentriker wird, sagte Bob, verstummte dann aber.
70?
Er versuchte es lieber noch mal mit dem Flaschenhals.
Konnte das denn so schwierig sein, einen Schluck Bier zu trinken?
- Und deswegen will ich eben ein Porträt von Tom T. Punning schreiben.
- Verstehe, murmelte Bob, der rein gar nichts mehr verstand, aber auch weit davon entfernt war, dem irgendeine Bedeutung beizumessen.
Er hatte wirklich andere Sorgen! Irgendwie klappte das mit dem Trinken nicht!
- Lies halt mal vor, brummte er darum nur.
- „Tom T. Punning kannte keine Gnade. Wenn er anfing, Witze zu reißen, gab es nur eins: Rette sich, wer kann! Sein Vater kannte sämtliche Witze auswendig, die jemals in der deutschen Sprache erdacht oder für den deutschen Sprachraum adaptiert worden waren. Irgendwie war dieser ganze humoristische Wissensschatz genetisch auf den Sohn übergegangen. Oder durch Bluttransfusion, keine Ahnung.“
- Genetisch. Das ist gut, sagte Bob. Ich finde diese ganze Gentheorie faszinierend. Dieses Vererbungszeug. Schräg, aber auch pfiffig. Na ja.
- „Er kannte jedenfalls jede Assoziation, jede Anspielung, jeden Kalauer. Du brauchtest nur von einem Schnitzel zu reden, und sofort redete Tom die Sache rund, und am Ende war aus dem Jägerschnitzel eine Schnitzeljagd geworden, und du konntest dich nur noch am Tischtuch festhalten, wenn du nicht vom Stuhl kippen wolltest …“ Ist was, Bob?
- Jaaa … Bob wiegte seinen Kopf hin und her. Ich überlege nur … vom Stuhl kippen?
- Was ist damit? Vom Stuhl kippen?
- Hm … na, passt schon. Lies weiter.
- Wieso, was ist denn?
- Nichts, lies einfach. Hab nur falsch gedacht.
- Hm.
- Ja.
- „Fatalerweise soff Tom auch nicht. Das heißt, er blieb bis tief in die Nacht hinein munter und wach. Wie ein Feuermelder. Nicht wenige Typen hat er buchstäblich unter den Tisch gequatscht. Ich war dabei. Man musste sich nach und nach daran gewöhnen, wie er war, so wie man sich an große Wassertiefen gewöhnen muss, wenn man an spanischen Golddublonen aus dem 17. Jahrhundert interessiert ist. Dann war er der unterhaltsamste Mensch auf der Welt. Ich gebe aber zu, dass er mich auch manchmal kalt erwischt hat, selbst dann noch, als ich glaubte, ich sei gegen alles gewappnet, was aus seinem Munde kommen könnte.“
- Das stimmt! Mich hat er auch oft …
Bob rülpste.
Aber Trinken ging immer noch nicht.
- „Er hatte ein Herz aus Gold, alles andere ist einfach die Unwahrheit, und für jemanden, der es im Showbiz so weit gebracht hat wie Tom, ist das allein einen Lexikoneintrag wert“, beendete Georg seine Lesung.
- Super. Bob nickte empathisch. Auch wenn ich nicht ganz kapiere, was das mit dem Blogozentriker zu tun hat, finde ich das Porträt sehr gelungen. Ich hätte aber noch einen Passus hinzuzufügen.
Bob war irgendwie pessimistisch; vielleicht kein Wunder, da er ja nicht einmal mehr Bier schlucken konnte, dafür aber rülpste?
- Schreib doch noch: „Aber wenn Sie mal schlecht vorbereitet waren oder Verdauungsprobleme hatten und in eine seiner Witzlawinen gerieten – dann konnte man wirklich nur noch für Sie beten. Seine Gag-Salven zerrissen Sie in der Luft.“
- Das ist doch nun wirklich Quatsch, Bob. Das kann ich doch nicht schreiben! Was sollen denn da die Leute denken?
- Hast recht.