Tod des Autors
November 13th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Pst.
- Was?
- Bisschen leiser, bitte.
- Was denn?
- Hier wohnt der Tod.
- Wo denn?
- Pst!
- Aufgebahrt.
- Der große Mann.
- Der Unbequeme.
- Der letzte seiner Art.
- Ein Mahner, ein Wachrüttler!
- Ja, sicher. Aber wo denn?
- In der Bibliothek, natürlich.
- Wo sonst?
- Ach so.
- Wie es sich gehört.
- Vor einer gigantischen Bücherwand. Eindrucksvoll.
- Aus Buche.
- Das Regal.
- Wie sein Sarg auch.
- Ein Buchensarg für den Buchmenschen.
- Reimt sich fast, irgendwie.
- Ja, ja.
- Woran ist er denn eigentlich, also …
- Gestorben?
- Hm?
- Das Herz.
- Die Leber, hab ich gehört.
- Die Leber? Nicht die Milz?
- Ich hab gehört, die Milz sei gerissen!
- Nein, nein, der Magen! Der Magen war’s.
- Sein Herz brach, und sein Hirn streikte. So hab ich’s gehört.
- Dem war das alles zu viel.
- Der Niedergang der Politik, der Blackout der Kultur.
- Auch sein letztes Buch hat sich nicht allzu toll verkauft …
- Organversagen.
- Multiples Organversagen.
- Das hat ihn dahin gerafft.
- Wenn es so was gibt, multiples Organversagen.
- Das muss es geben!
- Hat sich einfach ausgeunruht, das Uhrwerk.
- Hat sich zur letzten Ruhe geunruht.
- Ein Kalauer?
- Ja, viel zu sagen hatte er nicht mehr … leider.
- Haben Sie noch seinen Essay in der “Zeit” gelesen?
- Sie haben ihm einen Füllfederhalter zwischen die Finger gesteckt.
- Leider schon etwas senil, für meinen Geschmack.
- Nicht sehr heutig, nein. Sehr moralistisch.
- Moralinsauer.
- Seinen Montblanc?
- Die nach ihm benannte Ehrenedition.
- Mit Platinfeder.
- Sehr geschmackvoll.
- Tadellos.
- Wie eine finale Erektion seines Geistes.
- Ja, ja.
- Und friedlich sieht er aus.
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