Dein fernbestimmtes: Ich muss
November 15th, 2010 § 1 Kommentar
Er küsst sie ganz zärtlich, am Geländer, hinter welchem es abwärts geht zur Toilette, und sie wispert ihm, flüchtig über seine Brust streichelnd, ins Ohr:
- Ich muss mal eben pissen, bin gleich wieder da.
Sie steigt die Treppe hinab auf ihren wackeligen Schuhen, aber ihr Gang ist sicher, sitzt perfekt. Sie wackelt mit dem Arsch, alles einwandfrei.
So stößt sie auf Bob, der noch seine tropfnassen Finger schüttelt, weil natürlich die Papierhandtücher wieder alle waren.
Es ist klar, Bob ist nervös, wie konnte er sich auch als Sänger einer Band vereinnahmen lassen? Davon abgesehen, dass ihm, wenn er schwitzt, immer die Brille vom Kopf fliegt und er deswegen aufpassen muss mit seinen übertheatralischen Einlagen, mit denen er sich für gewöhnlich aus der Peinlichkeitszone in die Übertriebenheitszone rettet – davon abgesehen ist auch seine Stimme alles andere als ideal für einen Sänger. Ein hohes, fast peinigendes Kreischen. Aber genau das fand Michael, der Kopf von BAYERN ELEKTRONIKS, eben toll, so ein fast absurdes Fiepen anstelle von richtigem Gesang … bestimmt, denkt Bob, liegt das daran, dass Michael Musik studiert hat und sich als Schüler von Stockhausen begreift, weil er Stockhausen mal irgendwo in Bregenz hinter den Kulissen getroffen (er sagt: kennen gelernt) hat, im Fahrwasser einer geschwätzigen Bühnenbildnerin, die achtzehn Meter hohe Stühle für eine Oper gestaltet hatte …
Wie auch immer, Bobs Hosenstall steht noch ein bisschen offen, wie er da, nasse Hände schwenkend, auf Emilia trifft.
Komischer Sozialstunt, denken Sie jetzt vielleicht, und das stimmt ja auch.
Eh ein komischer Vogel, der Bob.
Emilia findet ihn allerdings süß, auf seine schräge Art.
- Du, sagt sie, mit einem fast übernatürlichen Strahlen, dein Hosenstall steht ja offen!
- Ach so, ja, och!
Das ist Bob natürlich MEGAPEINLICH. Klar. Er ratscht den Reißverschluss zu, mit seinen triefigen Fingern.
- Sorry, murmelt er.
- Aber nein, flötet Emilia, doch da nich für! Könnten wir doch gleich mal ausnutzen, dass du so einsatzbereit bist?
Bob kapiert das erst mal gar nicht. Einsatzbereit? Er fühlt sich, nervös und gebeutelt, alles andere als einsatzbereit – er bezieht das logischerweise auf die Bühne, auf die Band, die da oben schon die Instrumente warm spielt.
- Du, sagt Emilia, sich an ihn schmiegend, so ne ausführlichen Analysen des Innenlebens, das brauchen wir heute nicht mehr, Bob! Das kannste ruhig einstellen. Sollen wir nicht lieber kurz mal ficken gehen, auf der Damentoilette? Schließen wir uns schön ein, und …
- Ja, im Prinzip wahnsinnig gern, wimmert Bob, der sich bedrängt fühlt. Ich muss nur leider hoch, zu meiner Band, also, wir treten ja jetzt auf!
- Ach komm, sagt Emilia, ein Ganzkörpergurren jetzt, das schaffen wir noch!
- Nee, nee, Bob reißt sich los, ich muss!
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Sehr schön!