Das Buch ist eine CD
November 16th, 2010 § 4 Kommentare
ROBERT MATTHEIS: Man schreibt ja heute nicht mehr, wie man früher per manum geschrieben hat. Man stellt ja Medien her, man macht ja ein Buch fertig. Das ist etwas ganz anderes. Man arbeitet auf Flächen, auf Leseflächen. Früher hat man einen Klang produziert, etwas wie eine Schallplatte – nur in Buchstaben. Der Dichter hatte die Stimme im Kopf – das ist ja die landläufige Vorstellung –, er hatte den Sound im Kopf, und den brachte er dann in ein Notationssystem.
BLOGOZENTRIKER: Das Schreiben ist grafischer geworden?
RM: Ich denke schon. Ich kann Ihnen nur sagen, die „Hohlkörper“ hab ich immer runter getippt. Runter geschrieben. Das entstand als Fluss, als Guss, als Erguss. Und hinterher hab ich die Textflächen genommen und auseinander geschnitten und neu zusammengeklebt.
BZ: So, wie man früher einen Film geschnitten hat?
RM: Im Grunde ja. Das war primitives Super-8-Editing, wenn Sie so wollen.
BZ: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es ganz etwas anderes, wenn ich einen Text mit der Hand hinschreibe?
RM: Sie arbeiten dann akustisch, für das Gehör. Es ist völlig anders. Mir ist das ungeheuer schwer gefallen, früher, als es einfach diese Textverarbeitungsmöglichkeiten noch nicht gab! Ich schrieb dann mit Hand, dann tippte ich ab, vertippte mich, fing eine Seite neu an, verbesserte, fügte ein, stellte um, klebte an … das war mühselig und enervierend, und unterm Strich kam nichts dabei zustande. Ohne den Computer hätte es mich als Schriftsteller gar nicht gegeben. Nur meine Augen finden den Halt, der nötig ist, um einen Text fertig zu machen. In meinem Ohr ist das nicht, in meinem Ohr singen dauernd die Sirenen. Da ist eine Polyphonie, und alles ist richtig. So kommt man auf keinen grünen Zweig.
BZ: Bzw. nicht zwischen Buchdeckel.
RM: Genau. Ich stelle mir das so vor wie die Arbeit eines Komponisten, was die Schriftsteller früher gemacht haben. Noch Truman Capote hat ja zwischen „Schreiben“ und „Tippen“ unterschieden. Für ihn war das nichts Ernstzunehmendes, so ein Schreibmaschinenmanuskript. Ein Manuskript muss, wie der Name ja sagt, in Handarbeit entstehen, das muss von Hand geschrieben sein, manuscriptum, ein Handgeschriebenes.
BZ: Früher haben die Schriftsteller die Symphonie im Kopf gehabt und dann zu Papier gebracht, wie Mahler oder Bruckner ihre Noten fixiert haben?
RM: So stell ich mir das vor, ja. Aber jetzt hat es ja einen iconic turn gegeben, das Bild hat die mediale Herrschaft angetreten. Wir leben in einer optischen Welt, und darum sind auch die Bücher heute ganz anders. Überall Kursivdruck, die verschiedenen Fonts, Bilder werden eingestreut … im Grunde ist es eine Art Dokumentenfälschung, wenn man noch ein Buch schreibt, das ausschließlich aus Sätzen, aus Zeilen besteht. Wie früher.
BZ: Der Comic wäre eigentlich das Paradigma für eine zeitgemäße Literatur?
RM: Ja, absolut. Sie sehen das ja auch im Magazinjournalismus – Bild und Text, eine Symbiose. Das ist eine Einheit, das können Sie gar nicht auseinanderziehen. Das geht nicht mehr. Nur der Text, das ist so, als würden Sie sich einen Film ansehen, aber Sie stellen den Monitor dunkel und hören nur die Tonspur.
BZ: Ein Hörspiel!
RM: Ich liebe Hörspiele, aber ich glaube, besonders zeitgemäß sind sie eigentlich nicht.
BZ: Hören ist passé?
RM: Seltsamerweise zeigt sich das daran, dass wir von früh bis spät vollgedröhnt werden. Die Akustik ist heute wie die Farbe, sie gehört einfach dazu, als Musik, als Straßenlärm.
BZ: Wir leben in einer Welt der Fenster, oder? Bildschirme sind Fenster, Monitore sind Fenster, auch Windows, das heißt ja auch „Fenster“.
RM: Auch so ein Handy, das hat oben ein Fenster, durch das Sie in die Welt linsen können. So ein iPhone. Da sehen Sie’s ganz deutlich.
BZ: Was leiten Sie nun aber aus dem Grafischwerden der Literatur ab?
RM: Zum Beispiel, dass es sinnlos ist, vorne zu beginnen und hinten zu enden. Eine Geschichte von A nach Z zu erzählen, in aristotelischer Folge, wie einen Kinofilm. Wozu? Das hatte seine Richtigkeit, als man die Schallplatte aufgelegt und die Nadel auf die äußersten Rillen gesetzt hat. Das war so, als schlüge man den „Zauberberg“ auf …
BZ: … in dem dann so ein Schallplattenhören auch noch exklusiv thematisiert wurde!
RM: Ja, eben. Aber heute muss man springen. Unserer Welt, auch der Medialität unserer Bücher entspricht eine sprunghafte Poetik! Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass nicht nur der Text grafischer geworden ist – das Buch ist zudem haptischer geworden.
BZ: Aber heute werden Bücher doch gar nicht mehr so liebevoll hergestellt! Wer lässt sich seine Bücher denn noch in Schweinsleder binden? Das widerspricht Ihrer These doch?
RM: Nein, das klingt zunächst paradox, aber beide Phänomene haben dieselbe Wurzel! Man benutzt ein Buch anders. Man schlägt es nicht auf wie einen Weihegegenstand, der in Schweinsleder gebunden ist, ein Familienerbstück. Man verhält sich dem Buch gegenüber wie ein User. Wenn es einen nervt, klatscht man’s an die Wand, oder man reißt Seiten heraus. Man kann es eigentlich downloaden, wie man alles downloadet, und dadurch verliert die Materialität ihre Wertigkeit.
BZ: Wie Walter Benjamin über den Filmbetrachter gesagt hat: Er PRÜFT den Film?
RM: Ja, und so prüft man heute die Bücher. Man hat sich ihnen gegenüber emanzipiert. Man ist selbstbewusster geworden gegenüber den Büchern – um nicht zu sagen: hochmütig. Das ist etwas ganz Ähnliches wie das, was Sie da von Benjamin zitieren. Das Buch ist ein Film, ein Medium unter vielen. Es hat nicht mehr den quasireligiösen Stellenwert. Es ist wie eine CD, ein Nutzgegenstand.
Und aus dem Leser wird ein Laser.
Scharfsinnig wie immer. In einer schafsinnigen Umgebung fällt das besonders auf (womit ich keineswegs die anderen Blog-Beiträge meine, sondern unsere doofe geldfixierte Welt).
Ich sage nicht, dass sich nichts geändert hat und dass oben stehende Überlegungen falsch sind: Heute schreibt man im mit Sicherheit anders, zumindest wenn man es auf dem Computer tut.
Aber man sollte nicht außer Acht lassen, dass es verschiedene Typen gibt: Beethoven hat seine Einfälle sehr oft umgearbeitet und sie dabei grundlegend verändert (das ist in seinen Skizzenbüchern gut belegt). Und bei Bruckner sollte man die verschiedenen Fassungen seiner Symphonien nicht übersehen, die ebenfalls teilweise gravierende Änderungen gegenüber dem Originalentwurf enthalten.
Und auch in der schreibenden Zunft gibt es das: Popper bewunderte Bertrand Russell dafür, dass sich in dessen Manuskripten fast keine Streichungen und Verbesserungen befanden, hält es aber im selben Moment für eine Ausnahme, und die “Arbeiter” für die Regel (zu denen er sich auch selbst zählt).
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Hier kann man am Ende zumindest ein “wollen” in Klammern anfügen: Seltsamerweise zeigt sich das daran, dass wir von früh bis spät vollgedröhnt werden.
Vielleicht wäre dann der Computer das Rettende – das künstlerische Rettungsmedium – für all jene, die früher versunken wären in ihren Entwürfen, Notizbüchern, Ansätzen, in der Öffnung, die sich auftut, sobald mal zu schreiben, zu schaffen beginnt? Weil der Computertext einen ganz automatisch auf die Oberfläche zurückzieht? Das leistet ansonsten nur die Genialität – der Dilettant versumpft …