Faktenkino von als/dpa/AFP
November 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Drei Jahre ist das jetzt her. Wir befanden uns im Osten Afghanistans auf Patrouille. US-Soldaten sind in der ganzen Welt dankbare Ziele, aber nirgendwo sind ihre Leichen so beliebt wie in Afghanistan. Vielleicht noch im Irak. Mulmige Gefühle waren deshalb unsere treuen Begleiter. Die einzige Art, mit der Angst vor einem Hinterhalt umzugehen, besteht darin, dass du dich als Bild siehst. Als Figur, Comicfigur oder Dramenfigur. Figuren sterben nicht, ihnen schlägt allenfalls ein wütender Ikonoklast mal den Kopf ab; die nächste Generation klebt dann die Köpfe wieder an.
Ich bin Staff Sergeant Salvatore Giunta. Denken Sie sich nichts bei dem italienischen Namen. Seit einigen Tagen bin ich der amerikanischste aller Amerikaner. Ich habe nämlich einen Kameraden gerettet, unter Einsatz meines Lebens. Dafür verlieh man mir die höchste Kriegsauszeichnung, die „Medal of Honor“.
Also, vor drei Jahren. Wir laufen durch die Gegend, Patrouille, ein Routineeinsatz, da geht plötzlich das Geballer los. Taliban, denke ich, Scheiße! Es knattert gewaltig, und ich werf mich erst mal in den Dreck. Einen Kameraden trifft es ins Bein. Der wäre fällig gewesen, weil er sich nicht mehr rühren konnte, ich schaffe ihn darum, den Kopf unten haltend, aus der Gefahrenzone, hinter ein paar Felsen.
Da sehe ich, wie sie meinen alten Freund Josh, Sergeant Joshua Brennan, in die Mangel nehmen. Es hat ihn erwischt, und zwei der Terroristen schleppen ihn schon weg.
Ich zögere keine Sekunde. Dass ein Kumpel den Taliban schutzlos ausgeliefert sein soll, ist inakzeptabel. Die foltern ihn am Ende noch und hängen seinen geschändeten Leichnam an einen Laternenmast, und das kann nicht sein. Ich kam mir keineswegs so vor wie Arnold Schwarzenegger, wie ich da einen der Feinde zielsicher wegballerte und den anderen übel zurichtete. Vielleicht im Rückblick. Im Rückblick dachte ich schon, ich hätte wie ein Superheld gehandelt, völlig unrealistisch, wie nach Drehbuch. Aber im Augenblick des Gefechts reagierte ich rein instinktiv. Man hat da keine Zeit zu denken.
An seiner Weste zog ich Josh aus der line of fire. Dabei bekam ich selbst eine Kugel ins Bein. Meine Verletzung war aber nicht schlimm, ein glatter Durchschuss, nur eine Fleischwunde, und ich konzentrierte mich voll darauf, Josh zu retten. Aber alles war vergebens. Seine Verwundungen waren zu schwer. Mein Freund verblutete. Er starb in meinen Armen, nicht in der Gewalt der verdammten Killer. Das ist mein einziger Trost.
Präsident Obama hat mich für meinen Einsatz in den höchsten Tönen gelobt. Er sagte, er möge mich, ich sei ihm sympathisch. Ich weiß nicht, was ich davon zu halten habe. Heute ist ja alles Berechnung, was so ein Politiker sagt. Dann hängte Obama mir den Orden um den Hals, und ich musste natürlich schlucken. Ich bin Soldat, ich muss nur vor dem Feind abgehärtet sein.
Abe Lincoln hat die „Medal of Honor“ eingeführt, am Anfang des Bürgerkriegs, vor 150 Jahren. Besonders pervers ist, dass Lincoln selbst in einem feigen Hinterhalt ums Leben kam. Bei einem Attentat. In einem Theater schoss ihm ein verbitterter Schauspieler in den Kopf, ein Südstaatler, John Wilkes Beooth. Wäre ich da gewesen, ich hätte den Präsidenten gerettet. Davon gehe ich aus.
3.500 Mal wurde die „Medal of Honor“ bis heute verliehen. Im Augenblick leben außer mir noch 85 Träger der Auszeichnung. Von denen sind 18 Veteranen des Zweitens Weltkriegs. Alle, die die „Medal“ sonst bekommen haben in den vergangenen Jahren, waren schon tot. Wie Josh. Auch Josh hätte eine Medaille verdient. Ich werde seiner Frau meine schicken, glaub ich.