Reduced to the Ex Maximo
November 18th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ort: Cannes. Zeit: bald Mittag.
Gespräch mit einem der wichtigsten Köpfe der Werbewirtschaft, Holger Hummler von DCTP. Er hat mit seiner Agentur Preise en masse abgeräumt, ist berüchtigt für seine Launenhaftigkeit und die Kreativität seiner Mitarbeiter.
Er schläft jeden Tag nur drei Stunden, den Rest der Zeit arbeitet er. Während seiner Meetings macht er Sit-ups und Liegestütze. Wenn es ihm schon nicht wirklich etwas nütze, meint er, halte es doch seine Leute in Alarmbereitschaft. Jemandem, der sich körperlich quält, erzähle man keinen Unsinn.
Draußen wiegen Palmen ihre Häupter, wie berauscht, während unser Reporter sein digitales Aufzeichnungsgerät anschaltet.
- Aber wenn Sie sich einmal dieses Plakat betrachten, Herr Hummler. Was sagen Sie dazu?
- Was soll man dazu sagen? Ein Plakat? Das ist …
- Ein 1-A-Plakat. Provokant, tiefgründig, witzig. Oder?
- Witzig, hm. Ein Bruch mit den Sehgewohnheiten, das ist es auf jeden Fall. Eine durchaus überraschende … tja. Wo haben Sie das her?
- Aus dem Internet. Hier, sehen Sie mal. Knochen, ein Totenkopf.
- Ein Blick ins Grab. Ich weiß auch nicht. Das macht mich jetzt erst mal ratlos.
- Vielleicht, weil hier in Cannes die Sonne scheint?
- Sicher auch das, ja.
- Es passt nicht hierher, sagen Sie?
- Es fällt eher aus dem Rahmen, ja. Mich erinnert das spontan an diese Benetton-Kampagne damals, mit blutverschmierten Hemden. Wissen Sie noch? Aber das ist wirklich eine ganz lose, ferne Assoziation.
- Tanzen wir auf dem Grab? Wäre das die message?
- Ich weiß nicht. Ich kann kein Latein.
- Also, das ist ein sehr düsterer Text, der da steht. Ich habe die Übersetzung recherchiert …
- Ah, ja?
- Ja, im Großen und Ganzen steht da: War alles umsonst, war alles für die Katz.
- Mit den Knochen, das wär ja aber eigentlich eher für einen Hund, oder? Haha.
- Sie meinen, diese Kreation wirbt für Knochen? Aber dafür gibt’s ja keinen Markt!
- Nein, nicht in dem Sinne wohl …
- Vielleicht ist es eine Einladung zum Totentanz? Eine Tanzveranstaltung des örtlichen Totengräbers. Ein makabres Tanzfest?
- Ja, haha … das ist …
- Oder für einen Jahreskongress von Grabschändern?
- Na ja, also Grabschänder, ich weiß nicht, das ist ein ziemlich heikles …
- Aber wenn man das Plakat beim Wort nimmt, dann ist das Produkt, für das hier geworben wird, doch ein Skelett?
- Ja, ja schon. Aber ergibt das einen Sinn?
- Das ergibt keinen Sinn, oder?
- Ich find nicht, nee.
- Was dann? Wirbt das Plakat für das Nichts? Oder wofür? Vielleicht für Giftgas?
- Es gibt keine Werbung für Giftgas. Wer sollte die bestellen? Wo wollten Sie die abdrucken?
- Aber für Waffenhändler gibt’s schon Werbung?
- Wenig. Wir haben mal für die Stealth-Bomber was gemacht … war aber nicht allzu erfolgreich. Wir haben den leeren Himmel gezeigt, das war sehr schön, aber das Produkt kam zu kurz.
- Sie hätten die Verheerungen zeigen sollen, die so ein Tarnkappenbomber anrichtet!
- Das ist ein ganz schwieriger Markt, die Rüstungsindustrie, mit ganz eigenen Gesetzen.
- Wirbt unser Plakat hier dann also für den Tod? Würden Sie das sagen?
- Haha, dann wäre ja, also, wer wäre dann der Kunde?
- Ja, den gäb’s eben nicht.
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