Ich, nichts als Lüge

November 19th, 2010 § 3 Kommentare

Gibt es das? Den Punkt, wo man jenseits seiner Lebenslügen steht? Ich meine, als Schreibender? (Als Normalmensch, als Bürger und Karriereninhaber kann man sich das eh nicht leisten.) Letztlich sucht man im Schreiben, durch das Schreiben doch einen Punkt der GESUNDHEIT, des Überblicks oder der Umsicht, der Freiheit, der Unbefangenheit.
Man will doch aus der ganzen Scheiße mal raus, wenigstens für ein paar Minuten will man sich als MENSCH fühlen und nicht als Erwerbsmaschine.
Oder ist man im Gegenteil sogar darauf ANGEWIESEN, dass man ständig im Widerspruch zu sich selbst schreibt, um überhaupt schreiben zu können? Schreibt man gewissermaßen gegen sich an? Wie ja auch der Joggende gegen die natürliche Trägheit seines Leibes anläuft?
Könnte man sonst, mal so rum gefragt, nicht ganz einfach LEBEN, wenn alles in Butter wäre? Schön geölt durch die Rinne rutschen?
Wer, dem das Leben leicht fiele, käme denn je auf die Idee, sich hinzusetzen und seine Zeit darauf zu verwenden (oder zu verschwenden), ein Buch zu machen? Sich in Papier zu transformieren – wozu ja nötig ist, dass man sich erst einmal das Blut herauszapft? Um so trocken zu werden, dass man sich dann in die notwendig dünnen Schichten schneiden kann?
Schon gruselig, wenn man es genau bedenkt, diese Schreiberei. Sieht ganz harmlos aus: ein Typ mit Heft und Tinte, still in einem Raum, ganz bei sich. Friedlich, fast. Und dann bedenke man aber die Assoziationen, die wirklichen Ausmaße dieses Vorgangs! Das Herzblut eines Menschen fließt immerhin auf das Papier – und was nun, wenn der Arme feststellt: „Hu, ganz schön dünnflüssig“? Grauenhaft.
Ich bin jedenfalls sicher: Ohne Not tut sich einer so was nicht an! Da muss ein gewaltiger Leidensdruck dahinter stehen, hinter so einer Selbstausblutung.

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§ 3 Antworten auf Ich, nichts als Lüge

  • Man schreibt gegen Widersprüche an. Kreativität hat offensichtlich viel mit Widerständen zu tun, sie zwingen zur Neuheit.

    Leidensdruck, genau (Weil wir unlängst bei den Komponisten waren: Hugo Wolf sagte einmal, so weit ich mich richtig erinnere, er habe nichts außer der Kunst).

  • Darren Warren sagt:

    Ist es so schlimm, wenn Narzissmus sich in so einem Blog austobt? Ist doch besser, man entledigt sich dieser furchtbaren, beschämenden Last, die wir heute alle tragen, im Buchstabenbordell, als seine wirklichen Beziehungen damit zu belasten – als sich, beispielsweise, im Beruf verwirklichen zu wollen (der beste Dünger für die Blumen des Bösartigen). Aus dem Bedürfnis wird gebloggt!

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