Das Leben hat nicht Platz in einem Buch
November 28th, 2010 § 1 Kommentar
- Was mich am meisten verbittert, sagte der dicke alte Mann, und sein Schal war so unordentlich um seinen Hals gelegt, dass sie fürchtete, er werde gleich herab rutschen, das ist die fürchterliche Menge von Leben, die wir einfach nur stumpfsinnig weg leben, ohne dazu eigentlich etwas denken oder schreiben zu können — etwas, das über das banal Strategische, das Situationsgebundene hinausgeht. Diese ganzen toten Minuten und Stunden ärgern uns, wie Abfall, den wir selbst hinaustragen müssen. Sie quälen uns. Wir bringen keine poetische Struktur hinein, können dieser Masse an Zeit keinen Sinn verleihen, ihr keine Krone aufsetzen, keinen Glanz herauspolieren. Begreifst du, was ich meine? Er wandte ihr sein Gesicht zu, zerklüftet und blass und faltig. Sein Blick war weich und mild und voller unausgesprochener Gefühle. Der Ausschuss unserer Tage, sagte er. Der macht mich fertig!
Sie gab vorsichtig Gas, um auf dem überschneiten Asphalt nicht ins Rutschen zu geraten. Den Blinker hatte sie gesetzt. Sie war eine schlechte Fahrerin, schon immer gewesen, aber seit die Polizei ihm seinen Führerschein abgenommen hatte, musste sie sich hinters Steuer klemmen. Ihm war’s recht. Für ihn war das wie eine Einschenklizenz.
- Du siehst das zu dramatisch, sagte sie unkonzentriert. So ist halt das Leben!
- Hm, zu dramatisch, ja. Er strich sich mit der Hand übers Gesicht, was ein schabendes Geräusch erzeugte. Das ist es wohl. Der Dramatiker in mir kann es nicht ertragen, dass sich so viel Handlung seiner Kontrolle entzieht. Oder?
Sie lächelte.
- Das wird’s sein, ja.
- Eigentlich verrückt, stimmt’s? Er wandte sich ächzend ihr zu, warf seinen dicken alten widerspenstigen Leib, vom Mantel zusätzlich behindert, seitlich herum. Warum kann ich in meinem Alter nicht Frieden schließen mit dem Eigensinn der Physik? Oder der Biologie, rief er, oder wem auch immer unsere Lebenszeit eigentlich gehört! Uns jedenfalls gehört sie ja nicht, sagte er dann, uns gehört nur das, was wir daraus machen.
- Findest du? Seine Frau zog die Stirn kraus. Ich habe das nie so gesehen. Für mich war jede Minute meines Lebens die meinige. Jeder Augenblick gehörte zu mir.
Er wälzte sich in seinem Sitz zurück, starrte geradeaus. Schwer beugten sich seine Augenbrauen über seinen Blick. So verharrte er einige halbe Minuten. Dann sagte er:
- Nein, hab ich nie so empfunden. Für mich war die Zeit immer etwas Fremdes, etwas Leeres. Wie man ein Fernsehbild betrachtet. Erst wenn man zappt, dann … Er schwieg. Dann sagte er: Nein, das ist es wohl auch nicht … es ist schwer zu begreifen. Gibt es ein Bild, das unsere Misere einfängt? Damit wir sie uns übers Bett hängen können? Wohl nicht, oder? Nein, und trotzdem: Für mich war mein Leben eigentlich immer das Fremde. Ich hab mich angestrengt, es zu kolonisieren, aber von diesen paar dämlichen Theaterstücken abgesehen, die man vor allen Dingen in der Provinz aufführt, ist mir das nicht gelungen.
- Lass das deine Tochter nicht hören, sagte sie lachend. Das gibt ihr noch mehr rebellischen Auftrieb!
[...] Buddha, dass das Leben vor allem unbeständig ist – einmal auf, und einmal ab. Ich schob ich ihm den Ausdruck hin, den er kurz ansah, sofort zu sich zog, in eine kreisende Bewegung versetzte, und mit seinem [...]