Reduced to the Mex
November 29th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich trat gegen den Reifen des Jeeps. Das Ding war platt, platt wie ein norddeutscher Elektro-Hiphop-Song. Ich schob meinen Hut in den Nacken und fragte mich, wie lange es dauern würde, bis wir tot wären. Verdurstet oder von Skorpionen aufgefressen.
Sie stand auf ihrer Seite des Jeeps, die Hände in die Flanken gestützt, und schüttelte den Kopf. Es war keineswegs so, dass ich mich danach gesehnt hätte, nach Mexiko zu fahren. Sie war es, die im kalten, windigen New York von Tortillas träumte und von sonnenheißen Sombreros.
Sie war wunderschön, immer noch und vielleicht mehr denn je, aber ich hätte sie erwürgen können.
- So what?, rief ich. Bis du nun zufrieden? Wir werden sterben, im heißen Wüstensand. Entspricht das deiner Vorstellung einer amour fou? Mit einem schmerbäuchigen, zweitklassigen Fernsehseriendarsteller im unendlichen Sandmeer verrecken? Befriedigt das deinen Sinn für Romantik?
- Du bist ein Idiot, sagte sie nur.
Sie hatte ja Recht, und ich hatte es selbst langsam satt, den Idioten zu spielen, nur damit die Leute nicht merken mussten, was für Idioten sie selbst waren. Ich musste Platz in meinem Kopf schaffen. Ich musste irgendetwas tun, das mir meine Selbstachtung oder wenigstens ein Gefühl für Integrität zurückgab.
Stattdessen sagte ich:
- Gibt’s hier Schlangen?
- Ich hab keinen Empfang, sagte sie, mit ernstem Blick auf das Display ihres Mobiltelefons.
- Natürlich nicht, Sarah. Wir sind in der Wüste.
- Und nun?
- Ich habe keine Ahnung. Ich bin nicht der Survival-Typ. Ich bin Schauspieler, und kein besonders guter. Vermutlich haben wir nur eine Chance.
- Und die wäre?
- Abwarten. Hoffen, dass unser Hotel uns vermisst und jemanden losschickt, der nach uns sucht. Wahrscheinlich sind wir eh nur ein Routinefall, sagte ich mit einem Grinsen, ein paar Amerikaner, die sich mit dem Jeep in die Wüste trauen und nicht zurückkehren. Passiert jeden Tag, ein Dutzendschicksal. Keine mexikanische Zeitung würde darüber mehr als die pflichtschuldigen zwölf Zeilen …
- Sei sofort still!, schrie sie. Halt die Klappe! Halt dein verdammtes Maul, Harold!
- Meinetwegen, ich bin still, sagte ich. Aber wahr ist es trotzdem.