„Es gibt zwei Arten von Romanen …“

November 30th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Ach, Boss! Das stimmt doch so nicht! Das ist doch mal wieder eine grobe Vereinfachung!“
„Du bist gefeuert!“
Paul, unser Sportredakteur, stand auf und verließ den Raum. Widerspruchslos. Bob Macha trommelte wütend mit seinen beiden Daumen auf den Tisch ein.
„Sonst noch jemand?“, zischte er.
Schweigen.
„Es gibt also zwei Arten von Romanen“, sagte er dann. „Die einen haben die Aufgabe, uns darüber zu informieren, dass ihre Autoren echte Könner sind, die das Leben voll im Griff und jeden Aspekt desselben unter Kontrolle haben. Teure Weiber, teure Weine, teure Opernarien. Alles kein Problem für einen, der den Dreh raus hat.“
„Und die anderen?“, flötete Lizzy Berliner, unsere neue Sportredakteurin, die bislang nur für die Fußballberichte aus Italien („Calcio unverkalkt“) zuständig gewesen war.
Lizzy, das muss man sagen, brachte das Kunststück fertig, wirklich interessiert zu klingen.
„Die anderen stellen das Leben als etwas hochgradig Problematisches dar.“ Bob presste sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. „Ja“, murmelte er, „etwas hochgradig … Problematisches … Sie stellen genau jene Strukturen, die von den anderen Schriftstellern als naturgegeben angesehen werden, in Frage. Und diese Frage lautet explizit: Welches Geschöpf, im Himmel oder auf Erden, kann ein Interesse daran haben, dass die Welt so ist, wie sie ist?“
Bob ließ seine rechte Hand flach auf den Konferenztisch knallen.
„Tja“, sagte er, aufschauend, „im Wesentlichen war’s das, Leute. Noch Fragen?“
„Ja“, meldete sich Georg zu Wort.
„Was?“
„Gehen wir heute wieder ins ‚Casa Grande’?“
„Wenn’s weiter keine Fragen gibt“, Bob stand auf, mit einer Heftigkeit, die man durchaus als Ausdruck von Wut hätte interpretieren können, „dann gehe ich jetzt wieder an meinen Schreibtisch. Ich hab nämlich noch jede Menge …“
„Dein Schreibtisch wurde doch vorhin abgeholt“, rief Tilman, unser Art Director, der für die Gestaltung des Blogozentrikers verantwortlich war, seitdem Henry einem Drive-by-Shooting zum Opfer gefallen war.
„Verdammt, was?“
„Der wurde abtransportiert, stimmt“, sagte auch Nele, von der niemand wusste, was eigentlich ihre Aufgaben waren, und Henrys Geist, der diese Konferenzen einfach LIEBTE, nickte vielsagend.
„Wer hat denn meinen Schreibtisch abtransportiert?“
„Und unten vor die Tür gestellt!“, rief Lizzy Berliner, die sich natürlich sofort wieder weit aus dem Fenster hatte lehnen müssen.
„Ich könnt’ ausrasten“, brüllte Bob und trat die gläserne Konferenzraumtür durch. Wie ein Karateka. Was ihn, begreiflicherweise, dann selbst in Erstaunen versetzte. Still stand er in den Trümmern der Tür.
„Du BIST gerade ausgerastet“, stellte Georg sachlich fest.
„Ach, komm.“ Bob winkte ab. „Gehen wir ins ‚Casa Grande’, einen Rotwein saufen, äh, trinken.“
„Ich wollte eigentlich eher Pasta essen“, meinte Lizzy Berliner.
„Dann tu das. Es steht dir frei!“
Bob zog sein Jackett an und schob ab.
Henrys Geist blickte uns melancholisch nach.
„Du willst nichts?“, fragte Tilman, der immer noch ein Gefühl der Verpflichtung empfand.
„Ich bin ja tot“, meinte der Angesprochene mit einem tragischen Achselzucken. „Was soll ich da essen?“
„Okay … und trinken?“
„Oder gar trinken?“

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