Ich, nichts als Lüge

November 19th, 2010 § 3 Kommentare

Gibt es das? Den Punkt, wo man jenseits seiner Lebenslügen steht? Ich meine, als Schreibender? (Als Normalmensch, als Bürger und Karriereninhaber kann man sich das eh nicht leisten.) Letztlich sucht man im Schreiben, durch das Schreiben doch einen Punkt der GESUNDHEIT, des Überblicks oder der Umsicht, der Freiheit, der Unbefangenheit.
Man will doch aus der ganzen Scheiße mal raus, wenigstens für ein paar Minuten will man sich als MENSCH fühlen und nicht als Erwerbsmaschine.
Oder ist man im Gegenteil sogar darauf ANGEWIESEN, dass man ständig im Widerspruch zu sich selbst schreibt, um überhaupt schreiben zu können? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Asymmetrische Gegenbegriffe

November 19th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Mittelalter war „Sarazene“ ein Synonym für „Araber“, mithin für „Moslem“. Ist es da nicht, wenigstens in sprachkritischer Perspektive, höchst ironisch, dass ausgerechnet ein Deutscher, der offenbar nach den Sarazenen benamst wurde, die Angst vor seinen etymologischen Ahnen schürt? Thilo Sarrazin schmetterte ins Medien-Abendland: „Lasst nicht zu, dass der genetische Ausschuss der Sarazenen unsere christlichen Intelligenzspitzen abfeilt“ – so übersetze ich mir, ohne natürlich seinen faktenreichen Wälzer auch nur aufgeschlagen zu haben, seine steilen Thesen.
Sarrazin ist ja selbst eine typisch deutsche Gestalt – der vermurmelte Privatgelehrte, ein Westentaschen-Faust, ein Bücherwurm-Frankenstein, der sich genug mit Biologie beschäftigt hat, um ein Monster (Streitschrift) aus Leichenteilen (in Fachbibliotheken auffindbaren wissenschaftlichen Texten) zusammenzusetzen. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Patsch

November 19th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wissen Sie, die Welt kann auch ohne mich den Bach runter gehen.
Ich bin enttäuscht, Bob so resigniert zu finden. Bislang zeigte er wenigstens noch seine Zähne, um einen berühmten Roman von Zadie Smith über die Geschicke und Probleme indischer Migranten in London zu zitieren …
Bob wirkt ganz vergnügt. Er wippt die ganze Zeit über mit den Beinen. Seine Handflächen hat er unter seinen Oberschenkeln versteckt. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Reduced to the Ex Maximo

November 18th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Ort: Cannes. Zeit: bald Mittag.
Gespräch mit einem der wichtigsten Köpfe der Werbewirtschaft, Holger Hummler von DCTP. Er hat mit seiner Agentur Preise en masse abgeräumt, ist berüchtigt für seine Launenhaftigkeit und die Kreativität seiner Mitarbeiter.
Er schläft jeden Tag nur drei Stunden, den Rest der Zeit arbeitet er. Während seiner Meetings macht er Sit-ups und Liegestütze. Wenn es ihm schon nicht wirklich etwas nütze, meint er, halte es doch seine Leute in Alarmbereitschaft. Jemandem, der sich körperlich quält, erzähle man keinen Unsinn. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Faktenkino von als/dpa/AFP

November 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Drei Jahre ist das jetzt her. Wir befanden uns im Osten Afghanistans auf Patrouille. US-Soldaten sind in der ganzen Welt dankbare Ziele, aber nirgendwo sind ihre Leichen so beliebt wie in Afghanistan. Vielleicht noch im Irak. Mulmige Gefühle waren deshalb unsere treuen Begleiter. Die einzige Art, mit der Angst vor einem Hinterhalt umzugehen, besteht darin, dass du dich als Bild siehst. Als Figur, Comicfigur oder Dramenfigur. Figuren sterben nicht, ihnen schlägt allenfalls ein wütender Ikonoklast mal den Kopf ab; die nächste Generation klebt dann die Köpfe wieder an.

Ich bin Staff Sergeant Salvatore Giunta. Denken Sie sich nichts bei dem italienischen Namen. Seit einigen Tagen bin ich der amerikanischste aller Amerikaner. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

304 Kontakte

November 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Auf seinem XING-Profilbild zeigte er sich als Skifahrer. Kernig, gesonnt, grinsend. Die Brille auf der braunen Stirn hochgeschoben, hinauf ins wuschelige schwarze dicke Haar. Im Hintergrund Azur und weiße Bergeshöhen. Ein Modell von Leistungsstärke und Unerschütterlichkeit. So sah er sich auch wirklich. Es war kein offener Selbstbetrug oder gar bewusste Lüge, sondern eher mauvaise foi, das, was Ibsen „Lebenslüge“ genannt hätte, eine notwendige und alltägliche, durch ihre Alltäglichkeit undurchschaubar gewordene Unaufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Von dem, was ihn von innen her bedrohte, hatte er keine Ahnung. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

5. Akt, letzte Szene

November 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

- Herr Proust, da ist ein Herr Beckett, der …
- Der soll bloß draußen bleiben! Haben Sie ihn hereingelassen, Marie?
- Nein, Herr Proust.
- Der soll draußen bleiben! Dafür sind Sie mir persönlich verantwortlich, dass der hier nicht rein kommt!
- Sehr wohl.
- Und jetzt ab. Raus mit Ihnen!
(Marie ab.)
- Ich schreibe hier meine „Recherche“, und dauernd kommen irgendwelche Kollegen und Konkurrenten, um sich über die „Fortschritte“ meiner Arbeit zu informieren! Klar, FORTSCHRITTE! In Wahrheit wollen die mich doch alle unterbuttern. Die wollen mich fertigmachen. Was sie eigentlich sehen wollen, sind meine Rückschritte, meine Stillstände.
- Hallöle!
- Ja, wer sind Sie denn jetzt? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Das Buch ist eine CD

November 16th, 2010 § 4 Kommentare

ROBERT MATTHEIS: Man schreibt ja heute nicht mehr, wie man früher per manum geschrieben hat. Man stellt ja Medien her, man macht ja ein Buch fertig. Das ist etwas ganz anderes. Man arbeitet auf Flächen, auf Leseflächen. Früher hat man einen Klang produziert, etwas wie eine Schallplatte – nur in Buchstaben. Der Dichter hatte die Stimme im Kopf – das ist ja die landläufige Vorstellung –, er hatte den Sound im Kopf, und den brachte er dann in ein Notationssystem.
BLOGOZENTRIKER: Das Schreiben ist grafischer geworden?
RM: Ich denke schon. Ich kann Ihnen nur sagen, die „Hohlkörper“ hab ich immer runter getippt. Runter geschrieben. Das entstand als Fluss, als Guss, als Erguss. Und hinterher hab ich die Textflächen genommen und auseinander geschnitten und neu zusammengeklebt.
BZ: So, wie man früher einen Film geschnitten hat? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Gespenstische Eingebung

November 16th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Mitten in der Nacht wache ich auf und weiß, weiß es einfach, wie man seinen Namen weiß: „Wenn du jetzt nicht sofort in die Klinik gehst und dir etwas verschreiben lässt, bringst du dich spätestens morgen früh um!“
So eine wortgewaltige Eingebung hatte ich noch nie, und darum ziehe ich mich lieber gleich an.
Meine Frau wird davon geweckt, weil ich ziemlich herumpoltere in meiner Verzweiflung. Ich verheddere mich im rechten Hosenbein und hüpfe herum und pralle gegen den Schrank.
„Was tust du denn da?“, murmelt sie mir aus ihrem Schlaf zu.
„Ich ziehe mich an, Liebes, ich muss nur kurz rüber in die Klinik, um mir etwas gegen dieses Rasen in meinem Schädel verschreiben zu lassen, bin gleich wieder da“, sage ich, denn zum Glück haben wir in unmittelbarer Nachbarschaft ein Krankenhaus.
„Was? Warum denn das?“ « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Georg Baur liest „Die toten Seelen“ von Gogol

November 15th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Land, das sich vor Tschitsch, Tschitscherin, Tschitschikows Troika erstreckte, wies bis zum Horizont, den es mit der stillen Langmut der Unendlichkeit … blablabla … die Farbe ausgespienen Borschtschs auf, den eines dieser Bäuerchen, die in unserem Volke in so überreicher blablablawasjetzt Zahl, in bestem Glauben, aber leider etwas zu schnell … blablabla, kommt da jetzt noch mal was? … fransige grüne Grasnaben … blabla … stoben Wölkchen grisseligen oder, besser gesagt, griesigen Graus empor, unter den Hufen von Pferdchen, deren Treue, jetzt leck mich doch am Arsch mit der Treue von Pferdchen! « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Wo bin ich?

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