Intelligenz ist Gefühlssache

Dezember 1st, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Attila Bergs Leben? Das ist nicht der Stoff für einen Roman, nein.“ Jim Beam ließ seinen bernsteinfarbenen „Jack Daniel’s“ nachdenklich im Glase kreisen. „Wenn man’s recht bedenkt“, setzte er dann hinzu, „ist es eher eine Moritat. So was wie ‚Michael Kohlhass’, eine blutrünstige Geschichte von Moral und Selbstjustiz. Eine Story für Bänkelsänger. Aber zum Weihnachtsbraten passt sie nur schlecht.“
Vor dem Fenster heulte der eisige Wind, aber bei uns im Salon knisterte behaglich das Feuer im Kamin, und der Whisky sorgte von innen für eine aufgeräumte Stimmung. Ich warf einen Blick zu Georg hinüber. Er wirkte heute unkonzentriert, fahrig, beinahe ängstlich. Angeblich habe Bert „Big“ Bruder ihn neulich angeschrien, weil er zu schlechte Texte liefere. Aber das mochte auch nur eines der Gerüchte sein, die durch den n+2-Tower geisterten. Meine Texte waren definitiv schlechter als Georgs. Mich schrie aber niemand an.
„Jim“, sagte ich, „wir sind gekommen, weil wir uns von dir neuen Input erhoffen. Man will, dass wir einen netten kleinen Roman mit einer Fabel schreiben, genau das Richtige fürs nächste Weihnachtsgeschäft.“
„Etwas Besinnliches“, warf Georg ein.
„Und ihr habt keinen Stoff?“
Jim Beam kippte in seinem Schaukelstuhl nach vorn, und wir schüttelten die Köpfe. Jim frischte die Bernsteinfarbe in seinem Glas auf.
Ich sagte: „Du bist doch lange zur See gefahren, da wird doch meilenlanges Seemannsgarn gesponnen! Und wir dachten, ob wir uns da nicht ein paar Zentimeter abschneiden könnten … nur etwa die Dicke eines Taschenbuchs.“
„Natürlich, ja!“ Jim Beam lachte. „Seebären reden viel. Unter anderem zerreißen sie sich die Mäuler über euer Scheitern mit diesem Romandings … ‚Sprengkörper’? War das der Titel?“
„‚Hohlkörper’“, sagte Georg mürrisch.
„Klar, ‚Hohlkörper’“. Jim Beam grinste. „Sehr passender Titel für so ein Werk, oder?“
„Nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte“, lenkte ich ein. „Das ist uns auch klar.“
„Wir haben mitten im Schreibprozess den Faden verloren. Ein paar Monate liefen wir kopflos im Kreis herum, wie der Legende nach Klaus Störtebeker …“
„Ohne allerdings einem Kameraden damit zu nützen“, fügte ich ein.
„… und dann war’s irgendwann zappenduster, und wir standen im Wald, den wir vor lauter Bäumen nicht sahen.“
Jim kniff sein rechtes Auge zusammen und visierte uns an.
„So, so“, sagte er nur.
Ich sagte: „Und deswegen kommen wir eben zu dir, Jim. Weil ich doch weiß, dass du auf rote Fäden in Erzählungen spezialisiert bist.“
„Und jetzt gibt man euch eine zweite Chance? Gewissermaßen eure Bewährung?“
„Tja, hm.“
Mehr fiel mir dazu nicht ein, und Georg schnäuzte sich nur in sein Taschentuch.
Jim Beam prostete uns lachend zu.

Tagged:, , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Intelligenz ist Gefühlssache at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.