- Die Literatur soll versagt haben?
Dezember 2nd, 2010 § 1 Kommentar
Der Typ ohne Gesicht saß immer noch auf seinem Hocker, grinste und summte und schaukelte in seinem dicken Mantel sachte hin und her, wie irgendetwas Poesiefähiges in einem milden Frühlingswind.
Dabei hatten wir Winter, und dicke Schneeflocken klatschten ans Fenster wie geflüsterte obszöne Bemerkungen.
Auf eine Antwort auf meine Frage verzichtete der komische Knabe einstweilen. Offenbar nahm ihn sein Hinundherschaukeln voll und ganz in Anspruch. Das IDEAL hatte ihn geschickt, das Institut für Deskriptive, Empirische & Analytische Literaturforschung.
Er hatte eine hohe, gleichmäßige Stimme, mit der er uns traktierte. Sein Singsang ließ mich an Hexameter denken, die Peter Handke vorträgt. Natürlich hatte ich ebenso wenig wie Sie je Peter Handke Hexameter vortragen hören, aber Sie wissen bestimmt, was ich meine. Es war ein ganz klein wenig anstrengend, seinen Ausführungen über eine „notwendige, erschöpfende Studie, die die literarische Landschaft umgraben wird“, zu folgen.
Allein die Liste der Beteiligten umfasse 80 Seiten.
Wir wussten, ehrlich gesagt, nicht allzu viel mit dem Burschen anzufangen. Wir waren ja eher Praktiker, wir beim Blogozentriker. Wenn Sie jeden Tag 50 Seiten füllen müssen, können Sie nicht anfangen, nach der perfekten Zeile Ausschau zu halten.
Im Gegenteil.
Bob Macha hockte sehr malerisch auf dem Fensterbrett und rauchte eine Zigarette, deren Rauch er nach draußen blies. Zu diesem Zweck hatte er natürlich das Fenster öffnen müssen, und jetzt kroch die Kälte in den Büroraum, wie harte, mechanische Finger. Die Finger einer Maschine, die unsere Körper abtasteten, nach den Restzonen mit lebenserhaltender Wärmeenergie forschten, in unsere Hautfalten eindrangen und unsere Hohlräume ausfüllten, sich in den Afterbereich popelten und den Bauchnabel wie glitschige eisige Zungen …
- Jetzt ist aber mal gut, sagte Bob Macha und knallte das Fenster zu. Ich rauch ja sowieso nicht mehr – schon seit 20 Jahren!
- Das ist interessant!, rief der Typ ohne Gesicht, der irgendeinen komischen griechischen Namen trug (Metapsychophilosophicadingsbums, so in der Art). Er sprang sogar von seinem Sitz und zückte ein Notizbuch. Früher hätten Sie, in einer intakten Literaturwelt, sicherlich statt „sowieso“ „ohnehin“ gesagt, weil’s edler klingt, erhabener. „Ohnehin“, das geht leichter von der Palladiumzunge Ihres Füllfederhalters.
- Ach ja? Bob Macha zuckt die Achseln. Bin ich mir nich so sicher, offen gestanden. Schon in der Schule hab ich lieber mit Kulis geschrieben.
Er bewegt sich in Richtung Tür.
- Gehste wieder pissen?, ruf ich grinsend.
- Nee. Kein Muskel regt sich in Machas Visage. Ich geh mich mal hohl machen. Aber richtig!
Und ab, mit virilem Schwung, um nicht zu sagen: mit proletarischer Grazie, dass die Tür knallt.
- Tja, Herr Metazwiebelomaga, wende ich mich an unseren Gast, was Ihre These vom Versagen, Scheitern und Dysfunktionieren der Literatur angeht, kann ich Ihnen keine großen Hoffnungen machen. Denn der Sinn und Zweck von Literatur ist ja gerade, dass sie nicht funktioniert! Denken Sie an Kafka, an Musil. Samuel Beckett, der immer vom Scheitern träumte. Und dagegen die Literatur, die gelingt: Thomas Mann und „Harry Potter“. Ich hebe vorsichtig meine Füße vom Schreibtisch, stehe auf und vergrabe meine Hände in den Hosentaschen. Eigentlich ist es uns doch lieber, sage ich, dass so ein work ein work in progress bleibt, also unbeschlossen, unfinished, ein Torso, ein Fragment, ein Anakoluth, eine Stammelei. Was sollen wir mit den fertigen Texten? Außer sie auswendig zu lernen? Fertige Texte sind Geschichtsschreibung, schließe ich meinen Sermon sentenziös, unbeendete hingegen sind Philosophie. Vielleicht Do-it-yourself-Philosophie, aber immerhin. Das ist besser als nichts, oder?
[...] sehen uns auf Grund mehrfacher, in der Öffentlichkeit getätigter Aussagen, zu einer Richtigstellung derselben gezwungen, wobei wir davon ausgehen, dass diese mehrheitlich [...]