Wellen
Dezember 4th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
“Schon nicht mehr wahr”, sagt er. “Ich saß den ganzen Tag am Schreibtisch und träumte von meinem Roman, und das ist etwas, das man nicht tun sollte, auf keinen Fall! Bloß nicht am Schreibtisch sitzen und träumen! Selbst wenn man nur den Satz schreibt: ‘Mir fällt nichts ein, mir fällt nichts ein’, ist das hundert Mal produktiver”, sagt er, das Boot jetzt in eine weite Kurve ziehend, “als sich leeren Tagträumen hinzugeben. Onanie”, sagt er. “Man muss am Ball bleiben, den Körper der Sprache berühren, und wenn sie sich ziert, die Dame, dann muss man trotzdem ihre …”
Eine Möwe peitscht zwischen uns hindurch, zwischen seinem Kopf und meinem, und ich werfe mich so nach hinten, dass ich von der Bank falle. Er lacht.
“Vorsicht! Die Natur hat ihre Tücken, wie die Sprache auch.”
Ich rappele mich wieder auf.
“Kein Ding”, sage ich. “Mir ist nichts …” Mein Notizbuch ist mir über Bord gefallen, merke ich. “Merde”, murmele ich vernehmlich.
“Was soll’s.” Bob Macha winkt ab. “Hätte Ihnen doch sowieso keiner geglaubt, dass Bob Macha plötzlich wie ein Mensch redet und nicht wie ein HB-Männchen! Seien Sie froh, dass Ihre Notizen weg sind. Ich bringe Sie jetzt ans Ufer, von dort kommen Sie weiter, oder? Es fährt ein Bus, mehrmals am Tag. Wenn Sie den nehmen, bringt er Sie in die Stadt.”
“Immerhin”, jammere ich. Ich blicke düster in die vorübergleitenden Wellen. “Das war die Arbeit von drei Tagen!”
“Na und?” Bob Macha guckt ernst. “Benutzen Sie lieber Ihre Phantasie, als bloß immer die Wahrheit schreiben zu wollen.”