„Quo vadis, Germany?“

Dezember 8th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Geht man über die Straße, schreit diese Frage einem aus allen Mienen entgegen. Die Münder freilich bleiben stumm. Niemand traut sich, etwas zu sagen, denn die offizielle Doktrin, von der Kanzlerin persönlich via „Bild am Sonntag“ herausgegeben, lautet: „Es geht uns gut, wir sind rüstig.“
Voll stiller Verzweiflung kippt der Normalbürger darum rasch noch einen Glühwein in sich hinein und brummelt kummervoll; vielleicht macht die verklimperte Soundkulisse des Weihnachtsmarkts ihn so matschig im Kopf? Vielleicht ist es natürlich auch das Rauschgift. Jedenfalls, da sind die meisten sich einig, war das Haschisch letztes Jahr von besserer Qualität.
„Was? Haschisch?“ Wütend rollt eine rote Nase herum, eine hochprozentige Atemwolke hüllt mich ein. „Ich bin doch kein Junkie, du kleiner Querulantenpisser! Ich bin ein anständiger Mann, der sich Abend für Abend mit hartem Sprit fertig macht, und das seit 30 Jahren!“
„Wie haben Sie mich eben genannt?“
„Querulantenpisser!“
„Ach so. Okay. Ich hatte was anderes verstanden …“
Ich bin Volontär, bei einer Tageszeitung. Mein Geschäft ist es, die unbequemen Fragen zu stellen, aber nicht, mich an einem Glühweinstand zu raufen.
„Die weihnachtlichen Singspiele in den öffentlichen Lautsprecherboxen begannen ja schon Mitte November“, erklärt mir ein älterer Herr, unter dem Arm ein Geschenk für seinen Enkel, eine vollautomatische Wassermaschinenpistole. „Und endlich ist auch ausreichend Schnee dazu da. Da ist das glaubwürdig, diese schreckliche Musik, diese geisttötende Musik, in so einer Pappkulisse.“
Ich spaziere mal noch ein bisschen herum in meiner Stadt. Und was sehe ich da? Der Weihnachtsmann ramscht auf dem Aldi-Parkplatz seinen Schlitten voll (E-Klasse).
„Merken die Kids doch eh nicht“, raunzt er mich an, als ich nachfrage.
„Aber haben Sie denn nicht auch ne moralische Verpflichtung?“
Ich bin Volontär beim „Lübecker Anzeiger“, ein kritischer Zeitgenosse. Ich muss die Leute ins Gebet nehmen, auch wenn ich selbst nicht allzu fromm bin. Rudi, dem Rentier, das auf dem Beifahrersitz hockt, lege ich meinen Standpunkt pathetisch dar: „Ich frage immer nach! Ich werde auch noch nachfragen, wenn sie mich aufs Schafott führen. Da kann der alte Idiot sich noch so aufregen!“
„Verfick dich, bitch!“, flucht der Weihnachtsmann, zwischen den zischenden Eingangstüren des Discounters wirbelnd.
„Verfick du dich doch, alte Sau!“, gebe ich entschlossen zurück, um, nachdem ich die Entwicklungen abgewartet habe, hinzuzufügen: „Okay, ich verfick mich!“
Ich bin Volontär beim „Lübecker Anzeiger“, aber dass ich mir deswegen vom Weihnachtsmann was aufs Maul geben lassen muss, steht bestimmt nicht in meinem Volontärsvertrag … wie bitte? Was sagen Sie da?
Wo? Wo steht das?

Ah. Tatsächlich. Verdammte Scheiße.

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