Fahrstuhl zum Abort

Dezember 9th, 2010 § 3 Kommentare

Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft.
Marie von Ebner-Eschenbach

Draußen lag der Schnee der vorherigen Nacht als dünne, weiße Decke über der Welt. Ein Rabe stapfte mit harten Schritten darin herum. Er beobachtete mich, und ich beobachtete ihn. Ich fragte mich, was er von diesen Wohnblockarchitekturen halten mochte, von diesen Käfigen, in denen die Menschen sich einsperrten, als reichte ihnen die Massentierhaltung von Hühnern einfach noch nicht.

Wahrscheinlich war der Rabe einfach froh, dass er da draußen herumspazieren durfte, während die Menschen vor ihre Fernseher gebannt auf Ledersofas saßen.
Als ich genug über diesen Blödsinn nachgedacht hatte, schnippte ich meine Zigarette vom Balkon, grüßte den Raben, der sich abwendete, und trat zurück in die Wohnung.
Ich hatte noch ein bisschen Kopfschmerzen von der Sauferei gestern, fühlte mich insgesamt aber ganz wohl. Auf dem Display sah ich, dass Nettie versucht hatte, mich auf dem Handy zu erreichen. Ich hatte das Ding auf stumm gestellt. Es gab einfach im Augenblick nichts, was ich jemandem hätte sagen wollen oder können, beim besten Willen nicht. Ich klickte das Telefonsymbol weg, steckte das Handy in die Tasche meines Mantels und zog den Rotz hoch.
Im Bad lag die Tote. Sie hatte die Beine auf eine Weise verrenkt, wie nur Tote es hinbekommen. Für einen Lebenden wäre es zu schmerzhaft. Sie war mal ein hübsches Mädchen gewesen, aber der Killer hatte ihr den Mund herausgeschnitten, eine unglaubliche Sauerei, und ich wendete mich an den Gerichtsmediziner und sagte:
„Was hältst du von der Sache?“
„Na, was. Ein perverses Arschloch“, brummte der Mediziner.
„Hat er sie vergewaltigt?“
Ich ging in die Hocke, um mir die Bescherung genauer anzusehen.
„Unten nicht“, sagte der Müllmann des Todes. „Vielleicht finden wir ja Sperma in der Speiseröhre. Aber da ist verdammt viel getrocknetes Blut, das kann ich dir erst nachher sagen, in ein paar Stunden, wenn wir sie auf dem Tisch hatten.“
Tom kam herein getänzelt. Er sah wirklich fesch aus in seinem neuen H&M-Anzug. Ein junger Kerl, der das Beste noch vor sich hatte. Möglicherweise wurde er aber auch morgen schon abgeknallt, von einem Junkie – wer konnte das wissen?
„Wir haben schon mal ein paar Nachbarn verhaftet“, sagte er.
„Sind die denn verdächtig?“
„Allenfalls minimal“, gab Tom unbekümmert zu.
„Na schön“, sagte ich. Ich ächzte leise, während ich mich aufrichtete. „Kann ja nichts schaden, wenn ihr sie mal in die Mangel nehmt. Vielleicht könnt ihr doch die eine oder andere nützliche Information aus ihnen herausprügeln.“
Die Schwester der Toten, die auf der Couch saß und Cashewnüsse futterte, blickte mich schockiert an.
„Das können Sie doch nicht tun!“, rief sie aus.
„Warum nicht?“
„Diese Leute haben Rechte!“
„Aber nicht allzu viele, seit den Notstandsgesetzen.“
„Terrorgefahr“, grinste Tom. „Jeder ist verdächtig.“
„Für uns ist das natürlich ein Passepartout zur Grausamkeit“, sagte ich mit einem Achselzucken und zog das Handy aus meiner Tasche, weil das Vibrieren mich nervte. „Nettie, was ist denn? Ich bin hier gerade an einem Tatort … nein, nicht im Fernsehen.“

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