3 Minuten jede Seite

Dezember 10th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Verdammt kalt hier drin“, sagte Bob Macha, seinen Mantel noch enger zusammenziehend im Fond der Limousine.
„Ist halt nur Literatur“, grinste Georg, „ein kaltes Medium.* Stimmt’s nicht, Marshall?“
Der Fahrer, ein Kanadier in Livree, der seine Cowboystiefel auf das Gaspedal presste, gab ein zustimmendes Geräusch von sich.
„Ja, wir sollten ein Film sein! Das wär was. Dann wär’s wärmer hier drin.“
Bob stieß einen Stoßseufzer aus; was sollte er mit einem Stoßseufzer auch sonst machen, außer ihn auszustoßen?
„Dann trüge ich allerdings keine Livree“, gab der Fahrer zu bedenken. „Und ganz gewiss könnte ich auch nicht von Marshall McLuhan gespielt werden.“
„Warum nicht?“ Bob beugte sich vor, seinen Arm um die Kopfstütze des Beifahrersitzes schlingend. „McLuhan ist doch damals auch in DER GROSSTADTNEUROTIKER aufgetreten.“
„Klar“, der Fahrer lachte, „aber damals war er auch noch am Leben!“
Bob stutzte. „Ach? Sie sind tot?“
„Nein, das kann man so nicht sagen.“ Der Fahrer setzte den Blinker und bog jäh nach rechts ab. „Tot kann man nicht sagen“, wiederholte er. „Das würde die Sache zu eindimensional beschreiben …“
„Vorsicht!“, rief Georg, als er sah, dass die Limousine frontal in eine Häuserfront steuerte.
„Mann, Sie bringen uns ja …“, setzte Bob an, doch verstummte er, da sie einfach durch die Häuserfront hindurch glitten, durch ein Kleidergeschäft und Massen von Kunden glitten, hinten durch die Rückseite des Hauses glitten, durch einen dunklen Hinterhof voller zwielichtiger Gestalten und eine rote Backsteinmauer glitten und dann über einen See.
„Wahnsinn“, murmelte Georg.
„Wie haben Sie das gemacht?“, flüsterte Bob. Sie stiegen derweil in die Höhe, höher und höher, pfeilschnell durch die Wolkendecke, als säßen sie im Schlitten des Weihnachtsmanns. Unter Ihnen breitete die nächtliche Stadt ihr Funkeln aus wie eine besonders teure Schmuckkollektion in einem Werbespot.
„Keine große Kunst. Ich hab’s einfach geschrieben“, sagte der Fahrer.
————————————————-
* Vermutlich eine Anspielung auf die berühmte Unterscheidung in „heiße“ und „kalte“ Medien, die der kanadische Medienwissenschaftspionier Marshall McLuhan vorgenommen hat (in seinem Klassiker „Understanding Media“). Während kalte Medien eine hohe Selbstbeteiligung des Rezipienten voraussetzen, übernehmen heiße Medien ganz von allein die Kontrolle über Ihr Gehirn. Wie man ja auch die Augen sehr viel schwerer von einer Buchseite lösen kann als von einem Bildschirm, auf dem eine wilde Verfolgungsjagd stattfindet … oder bring ich da gerade was durcheinander?

Tagged:, , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading 3 Minuten jede Seite at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.