Die Hard, Literatur!
Dezember 10th, 2010 § 5 Kommentare
Dieser Text schließt an Erfahrungen an, wie der Verfasser sie zum ersten Mal machen konnte, als er die Buchhandlung Klaus Bittner in Köln betrat. Dort gab es, vor dem Amazon Age, Bücher leibhaftig zu erleben, die man sonst nur aus dem leisen Wispern wissenschaftlicher Fußnoten kannte. Ehrfürchtig nahm man sie in die Hand … ein erwartungsstolzer Narr. Aber, wie der erste Satz des Textes lautet:
Alles hat seine Zeit.
Es gab eine Zeit, da war es ein Geschäft, Theodor W. Adorno zu verlegen.
Es gab eine Zeit, da war Peter Handke ein Weltstar.
Dann gab es eine Zeit, da wurde man reich und berühmt, wenn man auf Plakate Sätze drucken ließ wie: „Geiz ist geil“ oder „Du bist Deutschland“.
Es gab auch eine Zeit, da setzten die Menschen sich abends mit einem guten Buch in ihren Sessel und stellten sich einer Erfahrung. Sie tauchten aus dem konformistischen Alltag ab und ein in die wortmächtigen und anspielungsreichen Kunstwelten großer, kritischer, bedeutender Geister. Es reichte diesen Menschen nicht, mit dem geschmacklosen Immergleichen, mit fernsehfähigem Kulturfastfood vollgestopft zu werden; sie waren neugierig auf echte Begegnungen.
Ich selbst kann mich an diese Zeit nicht erinnern. Aber es muss so gewesen sein. Anders ist die Existenz der Literatur, deren Geschichte in diesen Tagen zu Ende geht, nicht erklärlich.
Hätte Balzac niemand gelesen, hätte Balzac Balzac nicht geschrieben.
Heute hingegen wollen die Leute nur noch Filme-in-Buchform. Kram wie „Harry Potter“ und solide Thriller mit weiblichen Helden. Anständige, ehrliche Erzählungen. Gute Plots mit überraschend vielen überraschenden Wendungen. Faszinierend eindimensionale Charaktere. Glückliche Enden.
Um sich diese Filme downzuloaden, gehen die Leute scharenweise in Thalia-Buchhandlungen. Das hat zum einen damit zu tun, dass man, wenn man „Die Hard“ sehen will, ja auch nicht in ein Programmkino geht. Dort läuft Godard oder anstrengender Kram aus Israel oder dem Iran. Zum anderen gibt es ja außer Thalia kaum mehr Buchhandlungen. In der Thalia-Buchhandlung mitten im Zentrum Ihrer Stadt steht ein großer Tisch, bis zum Zerbrechen beladen mit Exemplaren von „Die Hard“.
Wenn Sie dagegen so eine spezielle Buchhandlung betreten – nehmen wir per exemplum die Reul’sche Buchhandlung in Kevelaer -, dann bekommen Sie einen Schock: alles voller Bücher! Wo sind denn bloß die Filme?
Mit der Thalia-Kette werden die Buchhandlungen erwürgt, wie Laokoon und seine Kinder von der Schlange erwürgt wurden.
Nicht zuletzt deswegen ist gute Literatur heute Spezialistentum. Nie käme die Thalia-Kette auf die Idee, aus lauter Sentimentalität schwierige Bücher in ihr Sortiment aufzunehmen, intrikate, umweghafte Sachen, die am Ende noch die Kundschaft vergraulen! Und die Bestechungsgelder, um in die Schaufenster zu gelangen, kann sich so ein Kleinverlag nicht leisten.
Ein Teufelskreis. So bleiben die wenigen nonkonformistischen Bücher bei jenen Lesern, die von ihrer Existenz ohnehin wissen.
Das bedeutet: Der Geist kann einem heute kaum mehr zufällig begegnen. Vielleicht, wenn man sich in Kevelaer verirrt. Weil man aus Versehen in eine Pilgertourismusreise geraten ist. Und jetzt vertritt man sich die Beine, bleibt vor einem Schaufenster stehen, tritt ein, nimmt ein Buch zur Hand – und POW!
Ist man für den Rest seines Lebens verloren. Also: gerettet. Ans Ufer der Literatur geschwemmt.
Ein Erweckungserlebnis … wird’s nicht mehr geben.
Diese Zeit scheint vorbei zu sein.
Das Tüpfchen auf dem “i” ist, dass sich dort auch niemand auskennt, wahrscheinlich nicht einmal mit den Filmen.
Aber ganz stimmt es nicht, ich habe Lutz Seilers Zeitwaage im Thalia bekommen (ich brauchte es rascher als der Versand es ermöglichte, deswegen bin ich hin).
Und man darf das Netz nicht vergessen: Dort stöbert man zwar nicht wie in einer Buchhandlung, aber die großen Gleichmacher werden dort durchaus unterlaufen.
Ja, klar. Amazon hat seine Vorteile. Aber ich schrieb den Text doch auch wegen der fehlenden SINNLICHKEIT der Literatur – das Buch ist eben kein Wert mehr, man sagt sich: “Das kann man doch auch downloaden.” Daher dann die Ähnlichkeit von Film und Buch (auch in der Machart): Man rezipiert das so runter. Im Buch konnte man ja auch blättern – es war ja eigentlich ein Medium des Blätterns, nicht eines des schnellen Konsums. Ein Medium damit auch der Kontemplation. Ich hänge diesem angeblich so langsamen, dabei ungeheuer schnellen, da letztlich zeitenthobenen Medium halt an. Bei jeder Suche im Buch gab es ja auch die Wahrscheinlichkeit, das zu finden, was man gerade nicht gesucht hat, etwas völlig Abgelegenes, was mit einem Mal vor einem aufragte, ein fremder, irritierender Gedanke – wenn ich in die Suchmaske “Maske” eintippe, lande ich eben bei den Stellen mit der Maske.
[...] wenn ich in die Suchmaske „Maske“ eintippe, lande ich eben bei den Stellen mit der Maske.
Mir ist gerade eben das “Gegenteil” passiert, ich habe einige thematisch verwandte Dinge über die Maske bekommen, die ich nicht kannte, dafür das was ich suchte nicht. Aber ich weiß was Du meinst, mir kam die Dialektik der Aufklärung auf diese Weise in die Finger: Ich habe in einer Gebrauchtbuchhandlung etwas anderes gesucht (bzw. gestöbert).
Mir geht es mit allen längeren Texten so, natürlich auch mit Büchern – ich kann mir nicht vorstellen eines digitalisiert zu lesen. Aber ich hatte immer eine Nutzbeziehung zu ihnen gehabt, ich bin kein Sammler schöner, alter Klassikerausgaben, von Büchern mit Ledereinbänden, oder Jahrhundertausgaben irgendwelcher Lexika, obwohl sie mir durchaus gefallen: Bücher müssen bei mir etwas abbekommen dürfen, geknickt und gefaltet werden können – ich möchte nicht auf sie aufpassen müssen.
Nee, mir geht’s auch nicht um diesen Buchfetischismus (“Ah, eine Erstausgabe von Lutz Tröllers ‘Bergfahrt’ aus dem Jahre 1934″), sondern um gut gemachte, irgendwie leckere, moderne Bücher. Es hat etwas Beruhigendes, ein Buch in die Hand zu nehmen, finde ich. Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Buch Geist oder Seele oder Gedanken irgendwie greifbar werden; sie sind nicht nur fixiert, sondern auch in die Tasche steckbar. Vielleicht, klar, auch das ist möglich, hab ich auch einfach einen an der Waffel.
Vielleicht, klar, auch das ist möglich, hab ich auch einfach einen an der Waffel.
Den hätten dann aber ziemlich viele. Und ich stelle gerade (zum wiederholten Male in der letzten Zeit) fest, dass ich zu wenige Bücher lese.