Keine neuen Nachrichten

Dezember 11th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

„Hunger! Bitte! Hören Sie doch auf!“
Helene Veterling wandte sich abrupt ab, hob die Hände, stöhnte. Ihr Kollege Knut Hunger hatte sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger eingespannt und blickte nachdenklich drein. Er war der Kriminalpsychiater, eine unmöglich gekleidete und zu allem Überfluss stets muffig riechende Gestalt, und Helene Veterling hasste ihn. Nicht nur wegen der Hygieneproblematik. Auch nicht nur, weil sie Seelenklempner generell mit Misstrauen und Abscheu betrachtete (ihrer Meinung nach sollte die Welt der Seele das Hoheitsgebiet der reinen Wissenschaft, der Chemie sein; gegen jeden düsteren Gedanken gab es ein passendes Mittel, und das ewige Herumgequatsche nützte rein gar nichts). Nein, dieser spezielle Quacksalber ging ihr mit seiner salbungsvollen, geheimnistuerischen Provinzschauspielerei besonders auf den Senkel.
Sie hatte sich also umgewandt, die Hände gehoben, gestöhnt.
Jetzt atmete sie tief ein, nahm sich zusammen, drehte sich wieder um.
„Er hat sie umgebracht, Hunger. Die Beweislage ist eindeutig!“
Hunger wiegte den Kopf; seine Augen blitzten auf, ganz kurz nur, ein wohl kalkulierter Effekt, der, wie Helene Veterling wusste, seinen Eindruck auf Oberpolizeirat Holger Harmssen nicht verfehlen würde.
Der dickliche Harmssen stand vor dem neblig grauen Ausblick, den das weiß gerahmte Bürofenster bot. Er schaute bekümmert, sein Blick wanderte zwischen seiner besten Ermittlerin und dem Psychospezialisten hin und her.
Auch Lars Abendroth von der Kripo Sigmaringen schien dem mysteriösen Gebrabbel des angeblichen Fachmanns für die Abgründe des menschlichen Herzens Glauben zu schenken. Zumindest schenkte er ihm sehr viel Aufmerksamkeit. Mit verschränkten Armen stand er in seiner Lederjacke an die Wand gelehnt, neben dem Aktenregal.
Nun, die Deutschen, dachte Helene Veterling resigniert. Man brauchte nur mit dem Wort „Seele“ vor ihrer Nase zu wedeln, und sie waren sofort hin und weg. Sie war selbst mal längere Zeit mit einem Deutschen zusammen gewesen, darum konnte sie das fachmännisch beurteilen. Unheilbare Romantiker! Übrigens war das auch ein Schwabe gewesen.
Oberpolizeirat Harmssen zog seine Wangen mit einem Schnalzlaut zusammen. Seine blauen, wolkig-nachdenklichen Augen weiteten sich, dann entfaltete er seine Lippen wieder und fragte den psychiatrischen Gutachter:
„Was, Herr Hunger, spricht denn Ihres Erachtens gegen eine Schuld des Verdächtigen? Tatsächlich sind ja die Beweise, da kann ich Frau Veterling aus kriminaltechnischer Perspektive nur zustimmen, eindeutig.“
Knut Hunger nickte.
„Ich verstehe vollkommen, dass Sie, als Experten der Spurensicherung und der logischen Deduktion, irritiert sein müssen von meinen Bedenken. Das ist mir klar. Aber ich kann Ihnen nur sagen …“ Er verstummte, schien in sich zu gehen; seine Augen rotierten, als forschten sie auf dem Untergrund seines Geistes nach den richtigen Worten. Dann spuckte er, mit einem angedeuteten Seufzen, aus: „Die Augen. Ja, es sind die Augen, die mir zu denken geben: Nein, er war es nicht.“
„SCHWACHSINN!“, schrie Helene Veterling.
Beinahe hätte sie sich auf diesen windelweichen Heuchler gestürzt. Ihre schon lange nicht mehr manikürten Fingernägel bohrten sich in ihre Handballen.
„Aber, Frau Veterling“, sagte Holger Harmssen tadelnd. Er wirkte ehrlich betroffen.
Der Deutsche hingegen hob bloß seine Augenbrauen. Vielleicht fand er es amüsant, wie diese Skandinavier sich gegenseitig an die Kehle gingen. Man sah ihm an, dass er sehr viel Sport trieb. Er wirkte fit, elastisch, für alle Eventualitäten gerüstet. Ihn warf so leicht nichts aus der Bahn.
Helene Veterling ertappte sich dabei, dass sie wieder, wie so oft in den letzten Tagen, dachte, sie hätte jetzt Lust, mit dem Sigmaringer zu schlafen.

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