Krippenspiele
Dezember 17th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
- Du könntest deinem Bruder helfen, den Weihnachtsbaum zu schmücken.
- Was?
- Hilf doch deinem Bruder mal, den …
- Den Teufel werd ich tun. Ich les lieber die „Brüder Karamasow“.
- Ach, aber dein Bruder könnte wirklich …
- Der schafft das schon. Er ist ja keine zwanzig mehr.
- Seit dem Frühstück sitzt du schon da in dem Sessel und rührst dich nicht.
- Ja, und?
- Liest nur.
- Ist dir das unheimlich, wenn jemand liest? Ein Buch auch noch?
- Immerhin haben wir Weihnachten.
- Das ist emotionale Erpressung, Mutti. Und jetzt lass mich BITTE lesen, ja?
- Lass ihn doch, Mama. Lass ihn doch da sitzen und lesen. Ist doch eh das einzige, wozu der Typ gut ist.
- Halt du die Fresse und schmück den Baum!
- Ja, ich schmücke den Baum! Ich hänge Engelchen und Kerzen an den beschissenen Baum. Einer muss ja hier für eine festliche Stimmung sorgen.
- Was willst du eigentlich? Ich bin doch hier, oder? Ich bin den ganzen Weg von München extra hier herauf gekommen, um mir von einem Kretin wie dir die Feiertage versauen zu lassen!
- Jetzt streitet doch nicht schon wieder …
- Das ist mehr, als man eigentlich von mir verlangen kann.
- Oh, was für ein Opfer! Was für ein ungeheures Opfer, das Weihnachtsfest im Kreise seiner Familie zu feiern!
- Ah! Ich Idiot. Mein Therapeut hat mich ja gewarnt! Er hat mir gesagt, ich solle mir das hier auf keinen Fall …
- Dein Therapeut? Hör ich recht? Das Wort Gottes kommt aus dem Mund deines Therapeuten, oder was? Die reine Wahrheit?
- Mir reicht’s. Ich werde jetzt …
- Du hast deine Seele an deinen Therapeuten verkauft, Dannyboy. Das ist die Wahrheit, wenn du’s wissen willst. Und du wirfst ihm dafür auch noch Geld in den Rachen, dass er dich misshandelt und zum Sklaven macht. Ein Heidengeld wirfst du ihm in den Rachen.
- Pass auf, ich hau dir gleich eins in die Fresse!
- So? Das will ich sehen! Die Zeiten, da ich mir von einem Wichser wie dir eins in die Fresse hauen ließ, sind vorbei! Heute bin ich der Stärkere!
- Der Karl boxt ja jetzt.
- Mama, bitte. Halt dich da raus.
- Sie hat doch schon immer auf deiner Seite gestanden.
- Das ist nicht wahr, Daniel!
- Natürlich ist es wahr, Mutti!
- Sonst wäre er ja nicht das Psychowrack, das er ist – stimmt’s, Dannyboy?
- Du sollst mich „Daniel“ nennen. Ist das zu viel verlangt?
- Bisschen viel Silben für so ne mickrige Figur.
- Was? Das sagst du nicht noch einmal …
- Och, Kinder, jetzt schmückt doch einfach den Baum, und …
- Nee, Mama. Das muss jetzt mal ausgetragen werden. Die Zeit ist reif. Jetzt machen wir mal Klarschiff.
- Unser Boxer will endlich einmal seine Fäuste einsetzen! Natürlich gegen einen Wehrlosen, denn der Charakter wächst ja mit den Muskeln nicht mit, oder?
- Wehrlos? Ha! Du und wehrlos? Warum bist du denn wehrlos, bitte? Rauben dir deine Psychopharmaka die Kraft, oder was ist das Problem? Steh auf, dann zeig ich dir, was Wehrlosigkeit ist.
- Mir machst du keine Angst. Ich habe keine Angst vor deinen Muskeln. Siehst du, ich lege die Brille ab.
- Du solltest sie lieber aufbehalten. Sonst siehst du nicht, wie ich dir die Nase breche.
- Bitte, Kinder … ich rufe euren Vater.
- Haha!
- Haha!
- Den Feigling! Den dresch ich auch gleich noch mit durch die Tür!
- Klar, du willst ja auch für festliche Stimmung sorgen!
- Kinder, ich weiß wirklich nicht, ob das die Art von Atmosphäre ist, die eurem Vater und mir vorgeschwebt hat …
- Man bekommt, was man verdient, Mutti.
- Sagt das dein Therapeut?
- Das ist von George Michael.
- Der Sänger von Wham?
- Ja.
- „Last Xmas“?
- Ja.
- Die haben das gesagt?