Weihnachten verweht

Dezember 27th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Alles klar, das Fest war vorbei. Wir packten unseren ganzen Kram (immerhin drei Kinder, eines davon seit Tagen besoffen) in ein Taxi und riefen: „Zum Flughafen, Chef! Aber dalli!“
Der Taxifahrer, ein Marokkaner, der ziemlich bekifft rüber kam („Sorry, Meister, hab echt einen üblen Tag gehabt!“), knallte erst mal gegen ein paar parkende Autos, als er seinen ollen Benz aus der Einfahrt wuchtete. Seitenspiegel wirbelten in hohem Bogen in Vorgärten, Schneemänner grinsten dazu aus steinernen Mündern. Hinter Spitzenstores fielen überneugierige Hausfrauen in Ohnmacht. Ich ärgerte mich, dass ich mein Notizbuch irgendwo in einem unserer Koffer ganz unten verstaut hatte, denn über dieses Happening hätt ich dann ja schon gern ein paar Zeilen geschrieben, vielleicht ein Gedicht! Der Schwiegervater fasste sich an den Kopf: „Und dafür hab ich zwei Stunden Schnee geschippt? Blödes Arschloch!“, aber weg waren wir schon, auf dem Weg ins Nirgendwo. „Nirwana“ nennen die Inder diesen Ort und finden ihn ganz prima, so eine Art Beach Resort für die Ärmsten der Armen soll das sein – jedenfalls hatte meine Frau mir die Sache so erklärt, und da ich selbst auf dem allerletzten Loch pfiff, nahm ich’s mal so hin.
Ich sagte: „Chef, Sie fahren aber wirklich einen harten Stiefel!“, und der Marokkaner grinste mich an aus seinem Rückspiegel und sagte: „Ganz koscher sind Sie aber auch nicht, Wertester!“ Was sollte ich da sagen? Ich lachte nur und ließ schön einen fahren, vollgefressen, wie ich war. Zum Glück rauschten wir haarscharf an der seitlich heranbimmelnden Straßenbahn vorbei. Sonst wären wir unter Garantie auf dem Friedhof gelandet, und zwar nicht in Bestform!
„Du findest das wohl auch noch witzig, wie dieser Idiot fährt?“, herrschte meine Frau mich an, weil ich haltlos vor mich hin giggelte.
„Wieso, ist doch auch echt schräg, was der sich zusammenfährt!“
„Ja, aber die Kinder!“
Meiner Frau schossen die Tränen in die Augen, und wenn Sie mich fragen, dann ist das kein gutes Zeichen. Ich patschte darum dem Fahrer auf die Schulter und sagte: „Mein Freund, wenn Sie uns lebend zum Oberen Bahnhof bringen, gibt’s noch mal ein paar Euro extra obendrauf.“
Der Marokkaner bleckte sein schadhaftes Gebiss, das die Farbe von Wüstensand aufwies, in welchen gerade ein Kamel gepinkelt hat: „Lebend? Das ist aber nicht vorgesehen!“
In dem Augenblick schwante mir, dass mein alter grimmer Erzfeind hinter diesem Albtraumtrip steckten könnte. Ich sagte also zu dem Mann am Steuer: „Ich weiß nicht, was Mr. Hyde Ihnen geboten hat …“
„Eine Zahnreparatur“, bekannte der Fahrer freimütig. „Für die ganze Familie!“
„Okay“, sagte ich. „Das bekommen Sie von mir auch, inklusive Zahnsteinentfernung.“
Sofort steuerte unser Chauffeur die rechte Bordsteinkante an. Ich sah, wie seine Augen sich mit Tränen füllten, während er den Motor abwürgte. Dann sprang er aus seinem Fahrzeug und riss den Schlag auf.
„Lassen Sie sich umarmen, mein Freund! Sie muss mir das Schicksal selbst geschickt haben!“
Wir hüpften eine Weile auf und ab, ineinander verschlungen und Arm in Arm, mein neuer bester Freund und ich. Da hörte ich, wie meine Frau sich trocken räusperte:
„Bob, die Bahn fährt …“
Und mit dem Ausruf: „Jetzt aber schnell!“ warfen wir uns ins Auto, der Marokkaner zeigte dem Gaspedal und der Straßenverkehrsordnung, was eine Harke ist, mein Ältester kotzte aus dem Seitenfenster, und alles wurde gut.

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