Begraben, aber nicht vergessen
Januar 7th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
- Wie kommt man bei Ihrem Namen auf die Idee, zur Polizei zu gehen, wenn ich fragen darf?
- Wieso? Was meinen Sie?
Der Kommissar hielt Bob mit vollendet höflichem Lächeln die Doppeltür auf. Sie liefen über den Korridor des Reviers. Alles war tiptop sauber, nur verdächtig menschenleer. Ihre Schritte quietschten über das hervorragend ausgeleuchtete Linoleum.
- Nun, sagte Bob freundlich, „Irrenlohe“ – so ein Name ist doch sicher eine enorme Belastung?
- Ah ja? Kommissar Irrenlohe blieb stehen. Es war sein erster Auftritt auf den Seiten des Blogozentrikers, und er wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Darum hielt er sich strikt ans Drehbuch, auch wenn er vielen Ideen skeptisch gegenüberstand. Aus welchem Grunde denken Sie das, Herr Macha?
- Nun, es klingt so …
Bob blies die Backen auf, kippelte auf den Absätzen, warf einen Blick an die Decke.
Er überlegte.
Irrenlohe grinste. Auch er hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt. Zwischen zusammengekniffenen Lidern beäugte er den Schreiberling.
- Wenn Sie das mal zusammensetzen, sagte dieser endlich, vage und stockend, als gäbe er einen Traum wieder, an den er sich kaum noch erinnerte. Die Bestandteile Ihres Namens. „Irre“ und „Lohe“. „Lohe“ wie in „lichterloh“, zum Beispiel. Feuer, Flamme.
- Ja?
- Was das ergibt.
- Einen Irren, der lichterloh brennt?
Bob Macha schnalzte mit der Zunge.
- So in der Art, ja.
- Könnte auf manche Kriminelle nicht besonders vertrauenswürdig wirken, meinen Sie?
- Es ist doch ein Künstlername?
- Natürlich. In meiner bürgerlichen Existenz heiße ich Fritz Pfeiffer. Mit drei F …
- Ich kenne die „Feuerzangenbowle“, danke.
- Ich dachte, wenn ich bei Ihnen in der Show auftrete, müsste ich mir einen etwas interessanteren Namen zulegen. Sie heißen doch auch nicht „Bob Macha“? Das ist doch nicht Ihr richtiger Name?
Bob überging die Frage.
- Haben Sie sich das ausgedacht, „Irrenlohe“?
- Nein. Meine Oma hieß so, mit Mädchennamen. Sie kam aus Siebenbürgen. Sie war eine Jüdin. Ihr Mann wurde von SS-Männern brutal zusammengeschlagen. Danach musste sie ihn lebendig begraben. Mit eigenen Händen. Sie kam nicht darüber hinweg. Ein paar Wochen später brachte sie sich um, nachdem sie ihren Sohn ihrer Schwester anvertraut hatte. Sie war eine starke, beeindruckende Frau. Ich wollte ihr Andenken ehren, indem ich ihren Namen annahm …
Bob starrte den Kommissardarsteller fassungslos an.
- Steht das auch alles im Drehbuch?