Blood on the rocks (Synopsis eines Krimis)
Januar 7th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Viele Jahre dauert es, bis der zurückgezogen lebende und ausgesprochen scheue Theophilus Schneck sich ein Herz fasst und unter dem Pseudonym „Ergozentriker“ eine publizistische Zweitexistenz beginnt. (Um genau zu sein, veranlasst erst der Leidensdruck, den der Tod seiner 92-jährigen Mutter in ihm erzeugt, den passionierten Buchhalter zu diesem wagemutigen Schritt.) Äußerst gewissenhaft werkelt Schneck fortan an jedem seiner Texte. Keinen lässt er aus seiner Schreibwerkstatt, bevor er nicht mehrere Tage, manchmal auch Wochen, an ihm gefeilt hat. Getrieben wird er dabei von einem Ideal stilistischer Makellosigkeit, das er schon in seiner Jugend an Vorbildern wie Tacitus, Montaigne und Hans Magnus Enzensberger bildete.
Als Theophilus Schneck nach vielen, vielen Jahren endlich genug Texte zusammen hat, um sie in einer Sammlung veröffentlichen zu können (er denkt vage an einen Titel wie „Versuchungen“), wendet er sich an einen niederösterreichischen Verleger, auf dessen so ambitioniertes wie hemdsärmeliges Programm ihn ein alter Freund, der Buchhändler Meinolf Reul, hingewiesen hat.
Doch Kaspar Bärmann reagiert aus der Tiefe seines Alpentales heraus mit Verachtung und Hohn auf das Zugesandte, bezeichnet Schnecks Texte in einem Nebensatz gar als „artsyfartsy“, was der Kleinautor sich, innerlich bebend, mit „Kunstfurzerei“ übersetzt. Vollends wirft Schneck der Vorwurf der „Realitätsblindheit“ und „Beschreibungsimpotenz“ aus der Bahn („Ihre Auffassung des weiblichen Geschlechts scheint mir, gelinde gesagt, selbst für einen 15-Jährigen arg verklemmt. Aber das nur in Parenthese“).
Einige Monate liegt Theophilus Schneck nach dieser verbalen Abreibung, die er durchaus als körperliches Eins-ausgewischt-Bekommen empfindet, danieder. Er ringt mit dem Tod, und der offenbart ihm im Maelstrom der Agonien einen teuflischen Plan, wie er sich an Bärmann rächen könne …
In der Buchhandlung Reul, nahe der Basilika zu Kevelaer, stellt Theophilus Schneck seinem arroganten Peiniger eine Falle. Der entscheidende Hebel ist die Tatsache, dass Bärmann selbst auch veröffentlicht – handfest-großspurige Sachen im parataktischen Gestus. Von dem Vorwand, in der kleinen, aber in geistiger Hinsicht ausgesprochen weiträumigen Bücherei aus seiner jüngsten Veröffentlichung, einem Pulp-Roman mit dem Titel „Mehr ich will ich nicht“, lesen zu sollen, lässt der hochmütige Verlegerautor sich in die kleine Wallfahrtsstadt locken. Theophilus Schneck hat einen Stapel Manuskriptpapier und eine Gabel mit extralangen Zinken vorbereitet, und Mord und Totschlag nehmen ihren Lauf …
© blogopress Hamburg/Wien/New York 2011