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Januar 11th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Aber nein, was denke ich denn … ich bin doch viel zu zaghaft und zu ängstlich, um diesen Larry Gascoigne wirklich anzurufen! Wenn er dran ginge — gar nicht auszudenken! Kein Wort brächte ich über die Lippen. Ich würde stottern und stammeln, und Gascoigne käme unvermeidlich zu dem Schluss: “Was ist das nur für ein Idiot, dieser Marcel Päderlein …”
Und doch, natürlich, war es eine verlockende Vorstellung. Je länger Marcel Päderlein sich ihr hingab (oder eher: sich gegen sie wehrte), desto verlockender und eingängiger wurde sie. In der Tat: Warum sollte er nicht Gebrauch machen von dieser einzigen wirklichen Chance, die das Schicksal ihm je gegeben hatte?
Sein Handy in der Faust haltend wie eine Henne im Leib ihr ungelegtes Ei, wanderte er seit einigen halben Stunden durch die Wohnung, immer wieder unterbrochen durch ein Nippen an seiner Teetasse. Wieder hielt er jetzt in der Küche inne und schaute durch die Küchentür in den Innenhof, in dem sich schon die Schatten sammelten. Der Tee war inzwischen kalt, der Nachmittag fast herum, und in Marcel Päderlein tobte immer noch ein Sturm verzweifelter Gefühle. Hoffnung schäumte gegen Scham, Angst gegen eine stachelige Erwartung …
Ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, diese verdammte Nummer zu wählen!, schimpfte der nicht mehr ganz junge Mann lautlos vor sich hin, mit Tränen in den Augen.
Eine alte Freundin aus Studientagen, inzwischen als Kunstdozentin in Mainz tätig, hatte Larry Gascoigne, den bewunderten, umworbenen und allseits gefürchteten Kunst-Machiavelli, bei einer Vernissage kennen gelernt. Ein Zufall. Doch die Stunde war ihr günstig gewesen. Larry Gascoigne, sonst für seine schroffe, sachbezogene Art verschrien, geizte nicht mit Charme und Lächeln und Aufmerksamkeit, und am Ende hatte sie die Visitenkarte des großen Kunsthändlers ergattert, zusammen mit seiner handschriftlich hinzugesetzten privaten Mobilnummer.
“Ich finde dein Projekt großartig”, hatte Elvira zu Marcel gesagt, als sie ihm die Visitenkarte überreichte. “Seit ich dich kenne — sind das nicht bald zwanzig Jahre? Jedenfalls, seitdem arbeitest du wie ein Besessener an dieser Idee. Als Schüler, als Student, als Gebrauchsgrafiker, immer hattest du nur die ‘Challenger’-Katastrophe im Kopf … Ich weiß”, rief sie lachend, “viele werden dich für zwanghaft halten! Für irre, für abnorm! Sie werden sagen: ‘Der tickt doch nicht ganz richtig!’ Aber tröste dich — so ist es allen bedeutenden Künstlern gegangen. Ob sie nun Toulouse-Lautrec, Duchamp oder Francis Bacon hießen … auf ihre Zeitgenossen mussten sie absurd und absonderlich wirken, um bei den Nachgeborenen desto stärker im Glanz einer göttlichen Glorie sich sonnen zu können!”
“Aber — was für Sätze du immer aus dem Stegreif baust!”, staunte Marcel, den Arm seiner Begleiterin los lassend und neben sie tretend, gleichsam wie zur Betrachtung eines Kunstwerks.
Halb war die Geste ironisch, halb aus aufrichtigem Staunen geboren.
Manchmal kam Elvira ihm vor wie ein Wesen von einem anderen Stern, auf dem gewisse Gravitationsgesetze einfach außer Kraft gesetzt waren.
“Ach, das ist doch nichts. Eine typische déformation professionelle. Das kommt von der ständigen Adorno-Lektüre”, entgegnete Elvira Hunzinker schmunzelnd und steckte sich noch eine Zigarette an. “Und außerdem muss ich meinen Studenten doch auch etwas bieten. Die stehen noch genauso auf sprachliche Kunstflüge wie wir damals. Erinnerst du dich?”
Marcel Päderleins Augen leuchteten. “Wie könnte ich das vergessen?”, sagte er leise. Und wirklich waren die Jahre in der Düsseldorfer Kunstakademie die einzigen glücklichen in seinem Leben gewesen. Damals schienen ihm alle Wege offen zu stehen — um sich dann bei näherem Hinsehen doch als vermauert zu erweisen!
Elvira blinzelte in die Sonne und in ihren Zigarettenrauch.
“Weißt du was?”, sagte sie. “Ruf ihn einfach an.”