Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie verschweigt.

Januar 11th, 2011 § 1 Kommentar

Im Mantel saß er an seinem Laptop, an dem klapprigen Tapeziertisch, der ihm als Schreibtisch diente. Der Ofen bollerte, aber es war aussichtslos; angesichts der Kälte, die sich in der zugigen Wohnung seit Wochen festgesetzt hatte, war nicht damit zu rechnen, dass er vor morgen Nachmittag die Stiefel würde ausziehen können. Seine Finger in den Handschuhen trafen die Tasten nicht richtig, stolperten verloren über die Buchstaben, bei jedem zweiten Versuch mehrere auf einmal hinhauend, was mehr als enervierend war, aber er hatte keine andere Wahl, er musste weitertippen. Wenn er seine Gedanken doch nur in Form griffiger Thesen oder einprägsamer Theorien hätte vortragen können! … Aber er hinterließ keine Thesen, keine Theorien, keine Lehrsätze, und darum war er auf diese zeitfressenden Umwege angewiesen. Er musste alles BESCHREIBEN, alles DARSTELLEN — was keine Gewähr darstellte darauf, dass jemand dann wirklich begriffe, was er meinte, worauf es ihm ankam; aber dieses mühselige Verfahren eröffnete wenigstens die MÖGLICHKEIT, dass dies geschah. Nicht in diesem Jahr, vielleicht, nicht in zehn oder zwanzig Jahren … aber er rechnete längst in anderen Zeiträumen. Er rechnete mit der Nachwelt der Nachwelt. Seit Berlin in Räuberei und Bürgerkrieg versank, hatte die Zeitrechnung ausgespielt. Andere Mächte saßen jetzt am Ruder: Mächte wie Geld, wie Breath, die Mörderdroge, oder wie das käufliche Vergnügen.
Unten, auf den Treppen, saßen seine Männer, aus den verschiedensten Nationen zusammengewürfelt, wie sie ihm untergekommen waren, in Lumpen gehüllt, bekifft oder besoffen, manchmal einen hektischen Feuerstoß in den Hof abgebend, wenn sie in ihrer Umnebelung glaubten, dort eine Bewegung ausgemacht zu haben … manchmal, morgens, wenn er zum Pissen hinaustaumelte, wie durchgeprügelt von den bleiernen, fruchtlosen Stunden der Nacht, lagen wirklich Leichen im Hof — Herumtreiber, Verwahrloste, grausig entstellt, Ratten fast ähnlicher als Menschen, das Ungeziefer einer sterbenden Metropole …
- Schatz?, hörte er in diesem Augenblick einen melodiösen Ruf auf dem Flur.
Verdammt, dachte er, panisch an sich herabblickend, wo ist denn mein Mantel? Dieser grünliche Mantel, von der englischen Armee, aus dem ersten Weltkrieg, mit dem Schildchen am Nacken, auf dem in Tinte noch der Name des unbekannten Soldaten stand, dessen Seele einst durch das Einschusslos in der Nierengegend …
- Kommst du?, meldete die melodiöse Stimme sich erneut. Das Essen ist fertig!
Bob Macha stand auf, in einer groben, hölzernen Bewegung. Wie, um alles in der Welt, sollte er unter solchen Bedingungen je Schriftsteller werden?
Man musste sagen, dachte er, die Hand schon auf der Klinke, während der Bratenduft durchs Schlüsselloch zog und das Bellen des Hundes sich draußen mit der melodiösen Stimme vermischte, dass es einem Künstler in dieser verfluchten Gesellschaft wirklich nicht leicht gemacht wurde!

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