Am Ende der Passage

Januar 13th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

- Hey! Bob! Bist du das?
Im hintersten und finstersten Winkel der Kneipe hatte ich ihn entdeckt; ein reiner Zufall, war ich doch eigentlich auf der Suche nach Georg gewesen, den ich allerdings nirgends hatte entdecken können im „Jolly Old Fool“. (Ich erfuhr später, dass er, über einigen Headlines für Artikel in der Frühjahrsausgabe des Blogozentrikers brütend, eingeschlafen war. Er hatte unsere Verabredung schlicht verpennt.)
Dabei hatte ich Bob auf den ersten Blick nicht einmal erkannt. Ich war schon auf dem Rückweg zur Tür und knöpfte meinen Mantel wieder zu, als plötzlich etwas „klick“ in mir machte: „War das da eben nicht Bob Macha? Nur in Aufgeschwemmt?“ Ich kannte Bob noch von unserer Zeit bei n+2 her. Früher war Bob ein überschwänglicher Mensch gewesen, der jeden x-Beliebigen umhalste, freundlich und offen. Jetzt, wo ich vor ihm stand, die Arme ausgebreitet, sagte er nur, ohne mich richtig anzusehen:
- Na. Tom.
- Mensch! Wie lange haben wir uns nicht gesehen?
- Eine Weile wird’s her sein.
Er zog sein Bier zu sich heran und warf mir dabei von der Seite einen argwöhnischen Blick zu. Mir fiel auf, dass er sich an die äußerste Grenze des Lichtkegels zurückgezogen hatte, den die niedrig über dem Tisch hängende Lampe warf. Seine Augen glänzten trübe im braunen Schatten. Es war eine unheimliche, beklemmende Szene. Ich versuchte es mit einem Lachen:
- Eine Weile ist’s her, ja – so viel steht wohl fest …
- Was willst du?
Ich war verunsichert: Warum reagierte er so ablehnend? Warum schob er die Schulter vor? Warum tat er so, als wollte ich ihm etwas Böses? Früher waren wir … nun, wenn schon keine Freunde, so doch gute Kameraden gewesen! Wir waren oft mittags zusammen essen gegangen und nicht selten abends auch noch auf ein Bier in die Kneipe! Zählte das gar nichts mehr in Zeiten wie diesen, da der Krieg aller gegen alle das Fundament der Gesellschaftsordnung bildete?
Ich fragte:
- Passt’s dir gerade nicht, Bob? Komme ich ungelegen?
Er blinzelte, schien zu überlegen. Dann sagte er, und seine Miene hellte sich infinitesimal auf:
- Nein, im Augenblick passt’s mir tatsächlich nicht. Aber schön, dich zu sehen. Ich meld mich bald mal. Und er setzte schnell hinzu: Ich ruf dich an.
- Tu das, ja. Ich knöpfte meinen Mantel wieder zu. Meine Finger kamen mir seltsam schwer und starr vor. Wär schön, mal wieder von dir zu hören, Bob!
- Natürlich. Er grinste. Schönen Abend.
Stunden später, als ich soeben von Irina herunterrollte – draußen erhob sich der Morgen über der Stadt –, erhielt ich eine SMS von Bob:

Wenn man geworden ist, was man immer sein wollte, hat man natürlich Angst, dass einem das, was einen zu dem macht, was man immer schon hatte sein wollen, weggenommen wird. Denn dem jagen ja alle nach. Darum wird man misstrauisch, feindselig, paranoid. Insofern hat, wer sich noch ganz fern steht, es unendlich viel leichter.

Ich las Irina den Text vor. Meine Lippen waren geschwollen vom harten Einsatz. Aus ihren blauen Augen heraus sah Irina mich lange an. Dann sagte sie:
- Hm. Klingt doch irgendwie ganz logisch, oder was meinst du?
Ich kratzte mir den Kopf.
- Ja … aber kann’s das wirklich sein? Dass man so sehr darum kämpft, sich zu entwickeln und zu sich selbst zu kommen, nur um dann wegen dieses bisschen Selbstseins ständig in Angst zu leben?
Irina seufzte zufrieden. Sie war in den letzten Stunden drei Mal gekommen. Ihr voller, blonder Körper zeigte die Sattheit eines Raubtiers, das gerade eine Gazelle verspeist hat. Nur dass in diesem Fall sie selbst auch noch wie eine Gazelle aussah – ohne jetzt auf Kannibalismus oder so was hinaus zu wollen … ach, verdammt, Sie verstehen schon, was ich sagen will!
- Nun, ließ sie sich vernehmen, deswegen sagt man wohl auch, man solle dann aufhören, wenn es am schönsten ist!
Ich war zornig:
- Könntest du nicht, wie irgendeine dahergelaufene Schlampe, so was sagen wie: „Fick mich lieber, du süßer Dummkopf, anstatt hier rumzulabern“? Wenn wir uns gerade stundenlang das Hirn aus dem Kopf gebumst haben? Warum musst du immer eine ausgefallene Antwort auf Lager haben? Was STIMMT mit dir eigentlich nicht, sag mal?
- Ich bin nun mal nicht dumm, Tom. Tut mir leid!
- Nein. Ich sprang aus dem Bett, dabei das Laken um meine schmale Hüfte zurrend. MIR tut’s leid!
Sie machte große Augen.
- Du willst doch jetzt nicht DESWEGEN streiten, oder?
- Was soll’s? Lass uns die Sache beenden. Du bist heute Nacht drei Mal gekommen, mehr ist nicht drin. Das ist der Spitzenwert, das ist der Gipfel unserer Beziehung. Mehr hab ich noch nie bei einer Frau geschafft, von jetzt an beginnen die Sorgen. Next Stop: Basislager. Nein, zieh dich an und geh! Ich will lieber aufhören, wenn es am schönsten ist, als in dieser verdammten runden satten Schönheit zu erstarren! Das hier führen wir nicht fort. Wie Bob will ich ganz bestimmt nicht enden!
- Was hast du denn nur? Die Begegnung mit Bob scheint dich ja geschafft zu haben?
- Allerdings, sagte ich.
Und plötzlich fühlte ich mich müde. Als hätte mir jemand einen Stöpsel aus dem Arsch gezogen, und alle Luft wäre aus mir entwichen. Fehlte noch, dass ich mit einem krachenden Furzen durch den Raum geblasen wurde! Ich musste mich aufs Bett setzen. Das Gesicht stützte ich in meine Hände. Und da waren sie auch schon, die Tränen!
Irina legte ihre Arme um mich.
- Hey, sagte sie behutsam. Ganz ruhig … ist ja alles in Ordnung, Tom!
Ich schüttelte nur den Kopf.
- Verdammt, du hättest ihn sehen müssen, Irina … der alte Bob!

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