Kritische Konsumenten
Januar 14th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
„Na, schau dir das an, Scheiße! Jetzt ist meine Hose schon wieder zerrissen! Diese scheißchinesische Billigware! Mann!“
Steffen Holzhaus* ist der klassische „Bobo“. Mit diesem Namen belegte der NYT-Kolumnist David Brooks Ende der 1990er Jahre eine gesellschaftliche Schicht, die „Reichtum und Rebellion“ ebenso unter einen Hut bringt wie „berufliche(n) Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, das Denken der Hippies und den unternehmerische(n) Geist der Yuppies“ (Verlagstext).
Die niedliche Bezeichnung „Bobo“, Akronym von „Bourgeoise Bohemiens“, steht also für eine schwerverdauliche Mischung. Was macht man mit „angepassten Rebellen“, „besonnenen Tollhäuslern“ oder „vollgefressenen Hungerkünstlern“? Man geht ihnen am besten aus dem Weg.
Was im Fall der Bobos aber kaum mehr möglich ist, denn sie breiten sich aus wie Schimmelpilz in einer verlassenen Küche.
Auch Steffen ist so einer aus der „neuen Oberschicht“, die man durchaus als Weiterentwicklung der Toskanafraktion betrachten kann. Er kommt nämlich erstens aus der Mittelschicht: Seine Eltern sind Lehrer und Hausfrau. Und zweitens ist er im gleichen Maße konservativ (da er prinzipiell alles gut oder wenigstens ganz okay findet) wie kreativ (denn er ist schon von Berufs wegen dazu gezwungen, alles immerzu ein bisschen besser, schneller und/oder höher zu machen).
Er wählt grün – weil grüne Produkte einfach schicker aussehen.
„Fuck!“
Steffen zwängt sich aus seiner Jeans, die ihm im Schritt entzwei gegangen ist.
Ich sehe mich, da ich kein Bobo, sondern ein klassischer Spießer bin, etwas indigniert auf der Hohen Straße, Kölns zentraler, von Menschen nur so wimmelnder Einkaufsmeile, um.
Steffen ist promovierter Kunstwissenschaftler. Sein Geld verdient er damit, dass er Unternehmen berät. Er erklärt den Leuten in den Marketingabteilungen, wie sie ihre Produkte noch erfolgreicher positionieren können, wie sich ihre Marken noch markiger machen lassen. Dazu lässt er ein ganzes Dutzend Studenten den ganzen Tag im Internet surfen, um Verbraucherkommentare zu Produkten herauszufischen.
Mit den gesammelten Daten fährt er am Wochenende an den Bodensee, wo er sich ein schickes Häuschen gekauft hat, und nimmt eine kritische Analyse der Produktprofile vor. Man muss zugeben, dass er aus ein paar spinnerten Internettextereien verblüffende Erkenntnisse ziehen kann. Er ist brillant. Selbst seine Kontrahenten auf dem heftig umkämpften Markt der Unternehmensberatung gestehen ihm das zu. Für viele ist er eine Ikone, ein erklärtes Vorbild.
„Steffen Holzhaus ist ein Genie“, schwärmt ein entzückter Vorständler auf der Webseite markenmacher.de.
Er zahlt natürlich nur Billiglöhne in seinem intellektuellen Sweatshop.
„Jetzt muss ich ne neue kaufen“, murrt Steffen und stopft seine Hose in einen Abfallkorb.
Ungläubig schaut uns ein Pennermagazinverkäufer aus großen Augen an.
„Kann ich die haben?“, fragt er, als wir weiterziehen.
„Na klar, bedien dich!“, knurrt Steffen, dem es nichts ausmacht, auch bei eisiger Kälte in knappen Unterhosen herumzuspazieren. Nachher geht er einfach in die Sauna, in seinem Fitnessclub, und wärmt sich wieder auf.
Sein Leben hat etwas von einem Dauerurlaub, gespickt mit Wellnessinseln und hochgeistigen Workshops. Er hat seinen Alltag in ein Abenteuer umfunktioniert.
„Wo gehen wir hin?“, frage ich atemlos.
„Ne Jeans kaufen“, gibt Steffen zurück. „Bei Zara gibt’s gerade welche für acht Euro. Hol dir doch auch gleich eine! Oder besser noch: ein paar!“
* Name von der Redaktion geändert.