Sturm im Kristallpalast
Januar 14th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
In der „Jungen Welt“ sind heute Sätze zu lesen wie: „Das Streben nach einer besseren Welt wird auch in Zukunft zahllose Opfer fordern. In diesem Punkt gibt der Blogozentriker sich keinen Illusionen hin. Mehr noch: Dazu bekennen wir uns. Der Fortschritt stapft über Knochenberge dem Licht entgegen. Das war schon immer so, das ist ein Naturgesetz. Fürchten wir uns vor Naturgesetzen? Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den Autobauern: Machen wir die rasante Fahrt ins Nichts jeden Tag ein bisschen sicherer! Es gilt, heute nicht weniger als gestern, beharrlich an der Verbesserung der Zustände zu arbeiten. Dabei dürfen keine Rücksichten genommen werden – weder solche des Blutes, noch solche geistiger Affinität, noch sonst welche. Muss man alles ausrotten, was den Wohlgesinnten im Wege steht. Überhaupt muss man ausrotten. Alle und jederzeit. Vor allem Leute, die mit der Gier der Kleinhirnigen spekulieren (Banker) und rücksichtslose Dioxinpanscher gehören an die Wand gestellt. Denn Menschen, denen es ausschließlich um Profit geht, haben kein Lebensrecht. Wir sollten unbarmherzig Jagd auf sie machen. Gewalt ist die einzige Sprache, die sie verstehen. Zur Not können sie sich mit ihren korrupten Mitteln ja auch jederzeit auf eine einsame Insel absetzen.“
Diese Art von Klartext hat, verständlicherweise, eine Debatte los getreten. Eine erregte Debatte. Claus Peymann nannte unsere Redaktion in Maybrit Illners Talkshow Fäuste schwingend „eine letzte Zelle geistiger Regsamkeit in diesem Scheißland“ – wobei der Zweifel besteht, ob das nicht eher ironisch gemeint war, denn unser Pamphlet war ja wohl deutlich, aber auch geistesschlicht. Neo Rauch meinte, er müsse „den Text erst mal lesen, bevor ich da Stellung beziehe“. Nina Hagen befand, die Headline unseres Artikels sei „zu fett“. Und Udo Lindenberg nuschelte: „Weiter so, Saturn! Noch mal 50 Jahre!“
Die ausdrücklich und unermüdlich Besonnenen, in der Mehrzahl abgehalfterte Polit-Profis, die in ihren mittleren Jahren mit Willy Brandt Kognak getrunken haben, fanden unsere Ausführungen natürlich „radikal“, einer bediente sich gar des Ausdrucks „jakobinisch“. Der Bundespräsident drückte seine Ansicht aus, man solle „sich wie Rosinen die hilfreichen Impulse aus dem Lese-Kuchen heraussuchen, denn die gibt es ja“, Daniel Kehlmann sprach von einem „Manifest aus Licht, zur rechten Zeit“. Joachim Gauck zeigte sich „bestürzt“, Rüdiger Safranski hingegen hat „das letzte romantische Fragment“ gelesen, und Peter Sloterdijk sieht „einen Dadaismus am Werk, der Hugo Ball Freude gemacht hätte“.
Ein Buchvertrag des Aufbau Verlags („eine erweiterte Version des Artikels“) liegt vor. Christian Brückner hat unseren „Junge Welt“-Beitrag als Hörbuch eingelesen. Bernd Eichinger möchte unseren Text gern verfilmen, mit Moritz Bleibtreu als Naturgesetz und Christoph Waltz als zynischem Banker.