Seiten der Mattscheibe

Januar 16th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Meine Damen und Herren, schön, ich freue mich, dass Sie auch heute wieder eingeschaltet haben zu unserer Literatursendung “Kluge Köpfe, kluge Sätze”. Heute möchte ich mit Ihnen an einen ganz besonderen Ort gehen: ins Café “Meisengeige” nämlich, in Nürnberg, wo James Joyce sitzt und Weißbier trinkt. Mr Joyce, Sie können ihn jetzt da drüben, auf der anderen Straßenseite, sehen, es ist der Herr mit den dunklen Sonnengläsern, er trinkt regelmäßig hier sein Weißbier und tut auch sonst nicht viel. Jedenfalls nichts Rechtes. Manchmal verbringt er ganze Nachmittage damit, fünf Wörter so lange auf dem Papier in seinem Kopf herumzudrehen, bis er zufrieden ist mit der Anordnung. Offenbar lässt er sich bei diesen avantgardistischen Übungen ziemlich viel Zeit, sonst müsste sein neuer Roman ja wohl langsam mal fertig sein!
Vierzehn Jahre und achtundzwanzig Autorenstipendien schreibt er jetzt schon an diesem sagenumwobenen Opus magnum, in dem es, dem Vernehmen nach, um den Krieg um Troja gehen soll. Es handelt sich also, zeitlich gesehen, um den Vorgänger des “Ulysses”, es ist ein Prequel, neudeutsch gesagt. Darin geht es ums Trojanische Pferd, allerdings ist der gute alte Mythos wieder in die Jetztzeit transportiert, denn der listenreiche Odysseus, sprich Leopold Bloom, hat seine Anzeigenakquisiteurskarriere noch nicht begonnen, er ist noch Buchhändler und hat als solcher die undankbare Aufgabe, lauter brandgeniale Texte unter ein total leseunwilliges Barbarenvolk zu bringen, das nur an heißen Miezen in fliederfarbenen Gazegewändern und an Verfolgungsjagden interessiert ist! Dieses primitive Volk, das sind natürlich die Dubliner, die Mr Joyce ja bekanntlich seit seiner Jugend gefressen hat.
Ein harter Stoff, zugegeben, aber Mr Joyce liebt ja den rüden, den direkten Ton, er ist ein Freund der vollmundigen Lebensäußerung. Uns hat er per SMS exklusiv verraten, dass er die legendäre Szene, in der Achill die Leiche seines Rivalen Hektor um die Burg von Ilion schleift, bis von dieser nur noch blutige Fetzen übrig sind, in schön saftigem Stil dargestellt hat — Anleihen hat er dabei u. a. bei Thomas Harris, dem Erfinder des Erzpsychopathen Hannibal Lecter, sowie bei Dean Koontz, Guillermo del Toro und Tom Piccirilli gemacht. Das ist also definitiv etwas für Liebhaber! Darüber hinaus spielt wohl auch H. C. Artmann eine gewisse Rolle in dem Zusammenhang! Insofern darf man da wirklich gespannt sein.
Für ein Gespräch stand Mr Joyce leider nicht zur Verfügung, aber Heike Schmandt hat einen Hintergrundbericht für Sie zusammengeschnitten, aus Archivmaterial. Viel Spaß damit!

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