Kulturmüllbeutel
Januar 17th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
- Nagst du immer noch an den alten Knochen herum, Bob? Was ist denn nur los mit dir? Der Schnee von gestern ist dagegen ja fast ein heißes Eisen!
Bob Macha ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. Sein Blick wanderte über die Haufen von Papier auf dem Schreibtisch von Gordon Schulz. Themenpläne, Manuskripte, vergilbte Ausgaben des „blogozentrikers“, Leserbriefe, Morddrohungen … Vor wenigen Tagen hatte das Redakteurskollektiv Gordon einhellig zum neuen Chefredakteur gewählt. Es war eine Art Meuterei gewesen, eine stille, demokratische Rebellion. Ein Aufstand von unten, aus dem Herzen des Volkes, wie man ihn sich für die ausgelutschten westlichen Korruptions- und Nepotismussysteme längst mal gewünscht hätte.
Bob, seit Jahren schon ein ausgebrannter Fall, konnte es seinen Kollegen nicht verdenken, hatte aber natürlich trotzdem sofort seinen Abschied eingereicht. Auf dem Schreibtisch stand jetzt das Foto einer anderen Frau. Draußen sah er durch das Glas des Chefredakteursverschlages seine alte Nettie, jetzt Dienerin eines neuen Herrn. Sie tippte, und er seufzte.
- Ich weiß auch nicht, Mann, sagte er leise. Ich komm von diesem Trip einfach nicht runter. Es lässt mich nicht los … es ist zum Verrücktwerden! Es ist wie eine Sucht. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass ihr mich rausgeschmissen habt.
Gordon beugte seinen massigen Leib vor und nahm eine dürre, verrenkte Büroklammer zwischen zwei fette Finger.
- Wir haben dich nicht rausgeschmissen, Bob.
- Du weißt, was ich meine.
- Hör mal. Du wirst nie auf einen grünen Zweig kommen, wenn du es nicht schaffst, von diesen ganzen Themen endlich Abschied zu nehmen. Abstand zu gewinnen. Man könnte fast denken – Gordon schnippte die Büroklammer in den Papierkorb bei der Tür –, da hätte dir etwas das Herz gebrochen! Aber die Kunst? Das ganze verdammte 19. Jahrhundert? Das bricht einem doch nicht das Herz!
Bob Macha senkte den Blick und schnaufte.
- Wir leben in einer Welt mit Internetanschluss, fuhr Gordon fort. Seine Stimme kam freundlich aus seinem dicken, von zwei Hosenträgern zusammengehaltenen Körper hervor, und Bob musste gegen den Drang ankämpfen, loszuheulen. Wir schreiben E-Mails, verwenden viel zu viele Smileys und hinterlassen witzige Nachrichten auf der Mailbox. Die Zeiten, da man erst mal eine Skizze mit Bleistift machte, bevor man sich äußerte, sind vorbei. Es gibt jetzt SMSen. Das musst du akzeptieren!
- Ich weiß ja …
- Du klammerst dich an etwas, das es längst nicht mehr gibt. Musil, Mann, Döblin. Dieser ganze Kram. Toll, unbestreitbar. Wirklich große Kunst! Aber nicht mehr unser Bier. Wir trinken heute Hochprozentiges, Bob! Jeden Tag gibt es was Neues, das alles Bisherige vom Tisch wischt. Die Archive quellen über! Wir ballern uns zu mit Bildern und Audiodateien, wir gehen in ganz neue Richtungen, da bricht stündlich ein neues Zeitalter an, wir …
- Komm, Gordon. Bob stand auf. Lass gut sein.
Gordon sah seinen ehemaligen Chef mitfühlend an.
- Ich wünsche dir von Herzen, dass du’s noch mal auf die Reihe kriegst, Bob. Wirklich!
- Das wünsche ich dir auch, Gordon.
- Hast du denn schon Pläne, jetzt, für die erste Zeit?
- Ja.
- Aha? Fährst du in Urlaub?
- Nein. Ich werde Proust lesen.
Gefällt mir:
Tagged:Literatur, Metaliteratur, Musil, Proust